Aufsatz 
Das Christenthum und die Sprache / Hermann Wedewer
Entstehung
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zu einander in der innigſten Beziehung, ſo daß man ſich beide nicht identiſch genug denken kann. Die Sprache iſt gleichſam die äußer⸗ liche Erſcheinung des Ceiſtes der Völker; ihre Sprache iſt ihr Geiſt und ihr Geiſt ihre Sprache. Der Volksgeiſt iſt zwar die ſprachzeugende Kraft, aber das Volk und der Voltsgeiſt iſt nicht als etwas vor der Spracherzeugung bereits fertig Vorhandenes zu denken, wie man früher fälſchlich geglaubt hat ¹), ſondern beide entwickeln und erzeugen vielmehr ſich ſelbſt erſt in und vermittelſt der Sprache; Volk, Volksgeiſt und Sprache bilden ſich gleichmäßig miteinander. Bei der innigen Verbindung zwiſchen Volksgeiſt und Sprache, die ſich vollkommen einander entſprechen, kann nichts in der Sprache ſein, was nicht in dem Volksgeiſt ſeinen Grund hätte, und dürfen wir daher von dieſem auf jene und umgekehrt ſchließen. Daher iſt unter allen Aeußerungen, an welchen Geiſt und Charakter eines Volkes erkennbar ſind, die Sprache am geeignetſten beide bis in ihre geheimſten Gänge und Falten darzulegen. Wie ferner der Geiſt eines Volkes nicht ſtille ſteht, ſondern beſtändigen Veränderungen, Fort⸗ und Rückſchritten unterworfen iſt, ſo auch die Sprache, welche in einer fortwährenden Wandlung nach Laut und Vorſtellung begriffen iſt und die ſicherſten und intereſſanteſten Anhaltspunkte für die Geſchichte des menſchlichen Geiſtes bietet. 2)

¹) Wir müſſen es als einen Grundirrthum der früheren Zeit bezeichnen, Geiſt und Sprache dualiſtiſch zu trennen und anzunehmen, daß der Geiſt bereits vor der Sprache entwickelt geweſen, zu dem dann die Sprache, mau weiß nicht wie, hinzugekommen. Dieſer Fehler und der andere, in der Sprache nichts anderes zu ſehen, als das Mittel zur Mittheilung der Gedanken, haben lange Zeit das Haupthinderniß bei der Löſung des Sprachproblems gebildet.

²) Wie bezeichnend iſt es, um hier nur ein Beiſpiel anzuführen, daß die Wörter, welche urſprünglich ſittliche Einfachheit und Gradheit bezeichnen, allmählich in allen Kulturſprachen die Bedeutung von Dummheit und Be⸗ ſchränktheit annehmen! Man vergl. griech. 2u*jis; latein. simplex, sim- plicitas; franz. bonhomme, bonhommie; engl. silly; deutſch albern und

ſchlecht.