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wächſt, wird das frühere organiſche Verhältniß zwiſchen beiden gelöſt. Indem der Laut nur noch als ſinnliches Zeichen, als Stütze und Anhaltspunkt des Begriffs erſcheint, iſt er unter phy⸗ ſiſchen Einflüſſen und nach rein phyſiologiſchen Geſetzen vielfachen Veränderungen unterworfen. Vergleichen wir z. B. die älteſte Sprache der germaniſchen Familie, die wir aus einigen uns er⸗ haltenen Denkmälern kennen, nämlich das Gothiſche mit dem ge⸗ genwärtigen Schriftdeutſch, ſo wird uns das Geſagte mit einem Male klar. Während nämlich jenes, einem blühenden Jünglinge vergleichbar, in reichſter Formenfülle prangt, ¹) hat das Neuhoch⸗ deutſche an äußerer Fülle und Reichthum der Formen bedeutend eingebüßt, aber, wie ein gereifter Mann, an innerer Lebendigkeit und Geiſtigkeit des Ausdrucks außerordentlich gewonnen. Fragen wir nach der Urſache dieſer Erſcheinung, ſo haben wir dieſelbe im menſchlichen Geiſte zu ſuchen.„Unter Allem, was auf die Sprache einwirkt“, ſagt W. v. Humboldt ²),„iſt das Beweglichſte der menſchliche Geiſt ſelbſt, und ſie erfährt alſo auch die meiſten Umgeſtaltungen von ſeiner lebendigſten Thätigkeit“. Iſt nämlich die Sprache überhaupt als die Manifeſtierung des denkenden menſch⸗ lichen Geiſtes in der Form der Vorſtellung und die beſondere Sprache als die Offenbarung des beſonderen Volksgeiſtes zu be⸗ trachten, die er in dieſer beſonderen Form, in dieſer beſtimmten Vorſtellungsweiſe erzeugt hat; ſo ſtehen auch Volksgeiſt und Sprache
¹) Das Gothiſche unterſchied den Nominativ vom Vokativ durch eine beſondere Endung, hatte einen Dualis für das Perſonalpronomen und das Verbum; es beſaß 40 Flexionsendungen für die Subſtantivdeklination, während das Neuhochdeutſche nur noch 6 hat. Von der außerordentlichen Laut⸗ fülle des Gothiſchen im Vergleiche mit dem Neuhochdeutſchen geben uns folgende gothiſche Wörter einen Beweis: saivala⸗Seele, lukarnastatha-Leuchter, hausidedeima-wir hörten, sildaleikjandona-bewundernd, blindaizôs- Blinder u. a.
²) Einleitung in die Kawiſprache. CCCL.


