Aufsatz 
Über Ursprung und Wesen der Sprache
Entstehung
Einzelbild herunterladen

45

ſo daß wir bezüglich der Urſprache eine völlige Durchdringung beider anzunehmen berechtigt ſind. Kein Laut iſt in ihr ohne Bedeutung oder überflüſſig, keine Vorſtellung ohne entſprechenden Laut. Eine bedeutungsloſe Lautform iſt undenkbar; denn die Lautform iſt nur die unmittelbare Manifeſtation eines geiſtigen Inhalts. Und ebenſo⸗ wenig iſt eine Vorſtellung denkbar, die nicht im Laute fixiert wäre; denn ſie wird für den Geiſt erſt, indem er ſie äußerlich darſtellt. Faſſen wir nun die muthmaßlichen Charakterzüge der Urſprache, wie ſie ſich uns auf dem Standpunkte der heutigen Sprachwiſſen⸗ ſchaft ergeben haben, zuſammen; ſo können wir ſie als eine Sprache bezeichnen, in welcher der Denkinhalt des Menſchen vermittelſt einer auf pſychologiſchen Geſetzen beruhenden Symbolik der Sprachlaute einen organiſchen möglichſt kurzen Ausdruck fand.Ihr Auftreten iſt einfach, kunſtlos, voll Leben, wie das Blut in jugendlichem Leib raſchen Umlauf hat. Alle Wörter ſind kurz, einſylbig, faſt nur mit kurzen Vokalen und einfachen Konſonanten gebildet. Der Wortvor⸗ rath drängt ſich ſchnell und dicht wie Halme des Graſes. Alle Be⸗ griffe gehen hervor aus ſinnlicher, ungetrübter Anſchauung, die ſelbſt ſchon ein Gedanke war, der nach allen Seiten hin leichte und neue Gedanken entſteigen. Die Verhältniſſe der Wörter und Vorſtellungen ſind naiv und friſch, aber ungeſchmückt durch nachfolgende, noch un⸗ angereihte Wörter ausgedrückt. Mit jedem Schritt, den ſie thut, entfaltet die geſchwätzige Sprache Fülle und Befähigung; aber ſie wirkt im ganzen ohne Maß und Einklang. Ihre Gedanken haben nichts Bleibendes, Stätiges; darum ſtiftet dieſe frühſte Sprache noch keine Denkmale des Geiſtes und verhallt wie das glückliche Leben jener älteſten Menſchen ohne Spur in der Geſchichte. Zahlloſer Same iſt in den Boden gefallen, der die andere Periode vorbereitet. ¹) Mit dieſer Anſicht von der Urſprache, welche mit der heiligen Ueberlieferung von dem Urſtande der Menſchen durchaus verträglich i*ſt, treten wir zwei Extremen, welche noch in der neueſten Zeit ihre Vertreter gefunden haben, ſcharf entgegen. Ausgehend von der An⸗ ſicht, daß der erſte Menſch bei ſeiner Erſchaffung, wie die übernatür⸗ lichen Tugenden, ſo auch die höchſte Fülle natürlicher Kenntniſſe ein⸗

¹) S. J. Grimm a. a. O. S. 47.