43
an den Verbalſtamm, vgl. à—deε‿ν α, sanscrit, a-dik-scham= ich war zeigend. Aehnlich ſind die lateiniſchen Imperfekt⸗ und Futurendungen auf-bam und-bo aus der Wurzel fu des alten Verbums ſug ent⸗ ſtanden; ¹) auch in den deutſchen Wörtern Junker, Jungfer, Nach⸗ bar, Drittel, welche von Jung-⸗herr, Jung⸗frau, Nah⸗bauer, Dritt⸗ theil, kommen, iſt das urſprünglich ſelbſtändige Wort zur Geſtalt einer bloßen Ableitungsſylbe zuſammengeſchrumpft.
Gehen wir nun davon aus, daß alle Sprache in der Urzeit aus einſylbigen Wurzeln beſtand, daß die Wurzel ferner der Anſchauung entſpricht, welche einen Gedanken gleichſam als unentfaltete Knospe in ſich vereinigt; ſo ſind wir zu dem weiteren Schluſſe bezüglich der Urſprache berechtigt, daß dieſelbe äußerſt einfach und kurz geweſen und, was wir jetzt mit vielen Worten ausdrücken, oft mit einem Worte bezeichnet habe. ²)„Der Urſprung und das Ende alles ge⸗ theilten Seins iſt Einheit,“ ſagen wir mit Humboldt und erkennen mit den Phyſiologen, daß alles Organiſche nicht durch Zuſammen⸗ ſetzung fertiger Beſtandtheile, ſondern durch Entfaltung des einfachen Keimes, durch Scheidung und Vereintbleiben wird und wächſt. ³) Noch jetzt bedienen ſich Erwachſene im Affekte, Taubſtumme und Kinder einer ähnlichen Abkürzung der Sprache, indem ſie das Haupt⸗ wort ſtark hervorheben und dadurch den ganzen Satz vertreten laſſen. Die einzelnen Wörter des Kindes haben nicht blos benennende Kraft, ſondern indem es das Wort ausſpricht, welches die Hauptvorſtellung enthält, das Objekt ſeiner Wahrnehmung oder ſeines Begehrens, läßt es dieſes die ganze Ausſage vertreten. In„Eſſen!“ liegt der ganze Satz:„Ich will eſſen“, in„Brod!“ der Satz:„Ich will Brod haben,“ nur noch in unentwickelter Geſtalt. Dem möglichen Mißverſtändniß wird durch die Geberde und das gegenſeitige Verſtändniß der ſich im Anfang noch nahe ſtehenden Perſonen vorgebeugt. Im Hinblick auf die geſellſchaftliche Entwicklung der Menſchheit ſpricht M. Müller
¹) S. Heyſe a. a. O. S. 151 u. 461.
²)„Der Satz z. B.„der Menſch ſteht“ oder, was in dieſer Periode wohl nicht lautlich geſchieden wird„die Menſchen ſtehen“ muß in der Urperiode unſeres Sprachkörpers gelautet haben ma sta, denn dies ſind die kürzeſten Wurzel⸗ formen der Grundbeſtandtheile jener zwei Worte.“ S. Schleicher a. a. O. S. 45.
³) S. Moriz Carriéêre a. a. O. S. 14.


