Aufsatz 
Über Ursprung und Wesen der Sprache
Entstehung
Einzelbild herunterladen

deren Sprachen beſitzen, vergleichen ²). Es entſteht ſomit die weitere Frage, auf welche Weiſe die übrigen Wörter gebildet worden ſind. Um dieſe Frage zu beantworten, müſſen wir noch eine vierte oder, wenn wir die beiden letzteren als Unterarten der Onomatopbie be⸗ trachten, eine dritte annehmen, die wir die charakteriſierende oder ableitende nennen. Dieſe Stufe, die ſich von den vorher⸗ gehenden dadurch unterſcheidet, daß auf ihr keine neuen Sprachwurzeln geſchaffen, ſondern die bereits vorhandenen nur auf neue Vorſtellungen angewandt und ſo zu ſagen zu neuen Wörtern ausgeprägt werden, iſt beiweitem die reichſte und inſofern das Verfahren, weil der Zeit nach ſchon näher liegend, genauer und beſtimmter ſich nachweiſen läßt, auch die anziehendſte.

Wie wir bereits oben erwähnten, findet die Benennung der Dinge in der Weiſe ſtatt, daß aus dem Komplex der Merkmale, welche die Anſchauung oder Vorſtellung eines Dinges ausmachen, unwillkürlich eins herausgehoben und in Folge der Reflexbewegung in den reſpiratoriſchen Organen mit dem entſprechenden Laute bekleidet wird. Nach der natürlichen Verwandtſchaft, dem inneren Zuſammenhange aller Dinge kehrt eine große Anzahl Merkmale bei den verſchiedenen Dingen wieder. Es wird daher ſehr oft der Fall eintreten, daß unter den Merkmalen eines Dinges, welche unter die Sinne des Menſchen fallen, ſolche ſind, welche bereits mit Lauten bezeichnet und ihm daher bekannt ſind. Nach dem Ge⸗ ſetze der Apperception*), d. i. der Aufnahme einer von außen ge⸗ gebenen Anſchauung in die Reihe der bereits vorhandenen und in der

¹) Pott nimmt an, daß in dem ganzen indo⸗europäiſchen Sprachſtamm kaum 1000 Wurzeln nachzuweiſen ſind. Dieſes ſchließt freilich nicht aus, daß es urſprünglich anders geweſen, daß viele Dinge eine große Menge von Namen gehabt haben, welche im Laufe der Zeit abgefallen ſind. Andererſeits können wir uns die Verzweigung der bedeutenderen Wurzeln nicht weit und ausge⸗ breitet genug denken. Aehnlich wie der indiſche Wurzelbaum, welcher oft allein einen ganzen ſtundenlangen Wald bildet, erzeugt nicht ſelten eine frucht⸗ bare Sprachwurzel hunderte von Wörtern, vgl. unter andern die Wurzeln ar und spek, gr. en. S. M. Müller a. a. O. 259 ff.

Es iſt das Verdienſt von Lazarus, die Bedeutung der Apperception für die Sprachſchöpfung zuerſt ſchlagend nachgewieſen zu haben. S. a. a. O. S. 28 und 106.

2