Aufsatz 
Über Ursprung und Wesen der Sprache
Entstehung
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Theile erkennen, ſo daß man auf dieſe Weiſe verwandte Körper der Natur, z. B. die Metalle Gold und Meſſing, Silber und Blei unter⸗ ſcheiden kann. Offenbaren demnach die lebloſen Naturkörper durch den Schall, den ſie von ſich geben, ihre ſubſtanzielle Eigenthümlichkeit, die loſere oder engere Verbindung der Theile, ſo drücken dagegen die Thiere durch die Laute, die ſie ausſtoßen, ihr Leben, ihre Empfindung und ihren ſpecifiſchen Charakter aus. So läßt ſich in der Thierwelt aus dem tiefen, meiſt eintönigen und feſtſtehenden Tone des Rindes auf deſſen abgeſchloſſene und gleichſam ruhende Sinnlichkeit, aus den mannigfaltigen, bald hohen, bald tiefen Tönen des Hundes, je nach⸗ dem er freudig oder traurig oder zornig iſt, auf deſſen feinere gei⸗ ſtige Unterſcheidungsgaben, ſowie aus den heftigen brauſenden Tönen des Roſſes, die tief aus der Bruſt kommen, auf deſſen Muth und innere Luſt ſchließen. Auch der Menſch endlich bedient ſich des Natur⸗ lautes, aber nur auf der unterſten Stufe, um dadurch ſeine Gefühle, ſeinen Schmerz und ſeine Freude, ſeine Luſt und Unluſt, ſein Staunen und ſeine Angſt,(wir erinnern an das Kind, bevor es ſprechen kann, und die Interjektionen der Erwachſenen,) in unmittelbarer Weiſe aus⸗ zudrücken.Das erſte Hervorbrechen der Sprache beim Kinde und beim Urmenſchen ſagt Steinthal,¹)iſt eine Befreiung der Seele von dem Drucke der auf ſie eindringenden Sinnesempfindungen. Sowie ein elaſtiſcher Körper, der erſchüttert wird, in einen tönenden Zuſtand verſetzt wird und ſich durch dieſes Tönen von dem empfangenen Stoße losmacht, indem er ihn der Luft weiter gibt; ebenſo tönt der Menſch, erregt durch die auf ihn einſtürmenden Gefühle und Anſchauungen, in der Sprache und befreit ſich von den empfangenen Eindrücken, in⸗ dem er ſie an die Luft abgibt, durch das Wort. Allein da der Menſch nicht blos fühlendes, empfindendes und wahrnehmendes, ſon⸗ dern auch vorſtellendes und urtheilendes Weſen iſt, bleibt er nicht dabei ſtehen, den Laut zum Ausdruck ſeiner Empfindungen zu verwen⸗ den, ſondern indem er die noch nichts Geiſtiges bezeichnenden Natur⸗ laute zu artikulierten, bedeutſamen Sprachlauteu entwickelt und geſtaltet, macht er ſie zu Trägern ſeiner Gedanken, wozu ſie ſich als etwas ſinnlich Wahrnehmbares und doch Immaterielles, dem Geiſtigen am

¹) S. Grammatik, Logik und Pſychologie u. ſ. w. S. 292.