Aufsatz 
Über Ursprung und Wesen der Sprache
Entstehung
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wiſſen; er gewahrt, wie er die beſten Gedanken nicht erſchloſſen oder errechnet hat, ſondern wie ſie urplötzlich in ihm aufſteigen als eine Offenbarung aus dem innerſten Lebensgrunde; er begreift eine gött liche Begeiſterung, kraft welcher die Phantaſie über des Künſtlers Wollen und Verſtehen hinaus die herrlichſten Werke ſchafft. Auch die Geſchichte iſt das Werk Gottes und der Menſchen. Aber die göttliche Weltregierung vollzieht ſich nicht durch Drähte, die uns wie Marionetten lenken, und nicht durch von außen hereinbrechende Ge⸗ richte, ſondern durch die Thaten der Menſchen ſelbſt, deren Erfolg freilich gar oft eben durch die im Ganzen waltende Dialektik des Schickſals ein ganz anderer iſt, als er von den Einzelnen beabſichtigt war. Und wenden wir uns wieder zur Sprache, ſo iſt Gott kein äußerlicher Sprachlehrer und der Menſch kein nachſprechender Schüler; ſondern der Menſch verwirklicht das gottverliehene Vermögen mit freier Kraft. Der Menſch hat von Natur die Sprachfähigkeit, in ſofern er Geiſt iſt, und hat in ſeinem Leibe die Werkzeuge der Laut⸗ erzeugung; ja dieſe geſchieht zunächſt, wie wir weiter unten zeigen werden, abſichtslos wie eine Reflexbewegung zufolge des Reizes äuße⸗ rer Eindrücke. Der Menſch hat in ſeinem Denken das logiſche Ge⸗ ſetz und verfährt ihm gemäß in der Entwicklung der Sprache ver⸗ nunftgemäß, wenn auch nicht wiſſenſchaftlich vernünftig. Das alles iſt nicht ſeine Erfindung, ſondern Naturgabe. Aber der Zuſammen⸗ hang der geiſtigen Sprachfähigkeit mit dem leiblichen Organismus ſetzt ein höheres Princip voraus, das beide vorher durchſchaut, für einander beſtimmt und geſtaltet, und das unbewußt zweckmäßige Ver⸗ fahren der leibgeſtaltenden wie der ſprachſchöpferiſchen Phantaſie weiſt auf einen zweckſetzenden Geiſt hin.*) Die geiſtige und leibliche Sprachfähigkeit und das Geſetz der Sprachentwicklung iſt Gottes Schöpfung, iſt nur als das Werk einer ſelbſtbewußten Weisheit, nicht als der Erfolg blinder Zufälligkeit zu verſtehen. Aber dieſe Gabe iſt zugleich Aufgabe. Der Geiſt macht ſein Weſen zu ſeiner That; darum muß die menſchliche Freiheit die Sprachanlage entwickeln und

¹) Sehr ſchön ſagt Paſſavant in Sammlung vermiſchter Aufſätze S. 88. Ueberall ſehen wir zweckmäßige Bildung und Herrſchaft des Gedankens, eines Planes über und vor der Erſcheinung aller lebenden Weſen. Vor ihnen war der ſich in der Welt offenbarende Geiſt. Im Anfang war das Wort.