11
Form einer organiſchen Naturthätigkeit. Demnach iſt der Urſprung der Sprache göttlich und menſchlich, das Werk Gottes und der Menſchen, der Nothwendigkeit und der Frei⸗ heit, der Natur und des Geiſtes, eine Gabe und Auf⸗ gabe zugleich.
Doch da wir hiermit einen der ſchwierigſten und wichtigſten Punkte unſerer Aufgabe berühren, nämlich das Verhältniß des Men⸗ ſchen zu Gott bei der Erzeugung der Sprache, ſo iſt es nöthig auf den Gegenſtand noch näher einzugehen.*) Es iſt der hohe Vorzug des Menſchen vor allen Geſchöpfen der Erde und die charakteriſtiſche Eigenſchaft deſſelben, daß er als geiſtig⸗-ſinnliches Weſen in die Mitte zweier Welten geſtellt und durch ſeine Doppelnatur zum Bindeglied und Vermittler derſelben beſtimmt iſt. Dieſer ſeiner Natur und Be⸗ ſtimmung zufolge durchdringen und einigen ſich in ihm auf eine wunderbare, im Einzelnen kaum zu trennende Weiſe Freiheit und Nothwendigkeit, Geiſt und Natur, Menſchliches und Uebermenſch⸗ liches. ²) Der Menſch vernimmt die Stimme Gottes in ſeinem Ge⸗
*) Es iſt das große Verdienſt W. v. Humboldt's, auf dieſen, wie auf ſo viele andere hieher gehörigen Punkte zuerſt aufmerkſam gemacht und ſo ſeinen Nach⸗ folgern gezeigt zu haben, worauf es bei der Löſung dieſes Problems ankommt. „Es ſind die drei letzten aller menſchlichen Fragen: Wie ſteht es um den Gegenſatz von Tod und Leben(d. h. um den Zuſammenhang der Ge⸗ ſchlechter der Menſchheit, der Gegenwart mit der Vergangenheit), von All gemeinem und Einzelnem(d. h. um den Zuſammenhang des Einzelnen mit ſeinem Volke, ſeinen Zeitgenoſſen und der Menſchheit überhaupt), von Menſchlichem und Uebermenſchlichem(d. h. um den Zuſammenhang des Menſchen mit dem Ueberirdiſchen, Unendlichen), um welche es ſich bei Humboldt in der Metaphyſik der Sprache handelt.“ S. Steinthal, der Urſprung der Sprache. S. 71.
²) In weiterem Sinne bildet die oben berührte Frage den Kardinalpunkt der geſammten Philoſophie, an dem ſich die größten Denker aller Zeiten verſucht haben, ohne ihn bis jetzt gelöſt zu haben, nämlich das Verhältniß Gottes zur Welt. Wenn die frühere Philoſophie dieſe beiden Faktoren theils zu ſcharf ſonderte(Dualismus), theils konfundierte und vereinerleite(Pantheismus), ſo geht die neuere ſchriſtliche) Philoſophie davon aus, beide zu unterſcheiden und zu einen. Bemerkenswerth iſt, wie auch unſer Problem dieſem Zuge folgt, da eine frühere Zeit die Sprache entweder als das Werk Got tes oder der Menſchen betrachtete, während unſere Zeit ſie als das Werk Gottes und der Menſchen begreift. So wurzelt überall das Einzelne im Allgemeinen.


