Aufsatz 
Über Ursprung und Wesen der Sprache
Entstehung
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zuläſſig. Eine fertig anerſchaſſene Sprache würde bei dem engen Zuſammenhang von Sprache und Vernunft alle Entwicklung des Menſchen, welche eine weſentliche Eigenſchaft deſſelben iſt, mit einem Male beſeitigen und aufheben. Schließlich iſt auch die Vorſtellung von der Sprache als einer natürlichen organiſchen Verrichtung nicht haltbar. Ihr ſteht entgegen, daß die Sprache, als dem Gebiete des Geiſtes und der Freiheit angehörig, in einem beſtändigen Wandel begriffen iſt, während das Angeſchaffene, weil es angeſchaffen iſt, un vertilgbaren Charakter hat.Die thieriſche, in ihrer Aeußerung mannigfaltigſte Stimme, ſagt Jakob Grimm ¹),iſt ſichtbar von Natur in jedes Thier geprägt und wird von ihm hervorgebracht, ohne ſie erlernt zu haben. Laßt ein eben ausgeſchloffenes Vögelein dem Neſt entnommen von Menſchenhand aufgefüttert werden, es wird dennoch aller Laute mächtig ſein, die ſeines gleichen, unter welchen es ſich niemals befand, eigen ſind. Darum bleibt die jeder Thierart angewieſene Stimme immer einförmig und unveränderlich: ein Hund bellt noch heute, wie er zu Anfang der Schöpfung boll, und mit demſelben Tirelieren ſchwingt die Lerche ſich auf, wie ſie vor vielen tauſend Jahren that.¹)

Alle Thiere leben und handeln nach einem in ſie gelegten dun keln Trieb, der an ſich gar keiner Steigerung fähig, von Anfang ſchon ſeine natürliche, dem Menſchen manchmal unerreichbare Voll⸗ kommenheit mit ſich trägt. Das Spinngewebe iſt ſo zart und regel⸗ recht vom Thierlein aus ſeinem Leib gezogen und ausgeſpannt, wie im Laubblatt die ſelbſtgewachſenen Rippen. Die Biene wirkt ihre kunſtmäßige Sechseckenzelle ein wie das andere Mal, ohne ein Haar breit je von dem ihr angeordneten Muſter und Bauplan abzuweichen. So ſcheint das ganze Thierleben eine Nothwendigkeit, aus der zuckende Richtungen oder Blicke der Freiheit ſie nicht vermögen loszureißen. Die Stimme, mit welcher die Thierwelt für alle einzelnen Geſchlech⸗ ter einförmig und unabänderlich ausgeſtattet wurde, ſteht demnach in unmittelbarem Gegenſatz zur menſchlichen Sprache, die immer ab⸗ änderlich iſt, unter den Geſchlechtern wechſelt und ſtets erlernt werden muß. Was der Menſch nicht zu lernen braucht und alſobald in das Leben tretend von ſelbſt kann, das bei allen Völkern ſich gleich bleibende Wimmern, Weinen und Stöhnen, oder jede anderen Aus⸗

¹) S. J. Grimm, über den Urſprung der Sprache. S. 15.