7
punkte des verfloſſenen Jahrhunderts am verbreitetſten war und die namhafteſten Gelehrten zu ihren Anhängern zählte*). Außer dieſen beiden Hauptanſichten mit ihren Modifikationen wollen wir noch einer dritten erwähnen, welche, von dem griechiſchen Philoſophen Epikur her⸗ rührend, im Alterthum von einer großen Zahl bedeutender Männer, wie Lukrez, Diodor, Horaz, Vitruv u. a., ja noch in neuerer Zeit von dem franzöſiſchen Gelehrten Renan getheilt wird, nämlich der, daß die Sprache eine angeborne, inſtinktive Thätigkeit ſei, eine natür⸗ liche Verrichtung, wie das Sehen und Hören, ſo daß die Menſchen ſprechen, etwa wie die Hunde bellen oder die Vögel ſingen, von Natur dazu getrieben ²).
Alle dieſe Anſichten aber, welche von den Griechen herab bis auf unſere Tage zum Theil mit großem Scharfſinn vorgetragen worden, ſind den Fortſchritten gegenüber, welche die Wiſſenſchaft der Anthro⸗ pologie überhaupt und der Sprache insbeſondere in der neueren Zeit gemacht hat, nicht mehr ſtichhaltig.
Was zuerſt die Annahme eines göttlichen Urſprungs der Sprache angeht, eine Annahme, welche einer Erklärung des nicht Wiſſens ziemlich gleichkommt, ſo ſpricht im allgemeinen dagegen die dem Menſchen anerſchaffene relative Selbſtändigkeit in allem, was wie die Sprache in das Gebiet der Freiheit hinüberreicht. Der Menſch iſt auf einem gewiſſen Standpunkte nur zu geneigt, Erſcheinungen in der Natur und im Menſchenleben, die er ſich nicht erklären kann, dem unmittelbaren Eingreifen Gottes zuzuſchreiben und ſie für Wunder zu halten, während es doch feſtſteht, daß Gott ſich bei der Schöpfung, ſo zu ſagen, ſelbſt beſchränkt und die Welt überhaupt und den Menſchen insbeſondere ſehr ſelbſtändig hingeſtellt hat, ihnen Kräfte verleihend, um damit theils unbewußt und mit Nothwendigkeit, wie dies in der Natur der Fall iſt, theils mit Bewußtſein und Freiheit, wie beim
¹) So um unter vielen nur Einen zu nennen, den berühmten Philoſophen Fichte. Dies ſteht im Zuſammenhange mit ſeinem philoſophiſchen Standpunkte, dem ſubjektiven Idealismus. Da ihm nämlich die Vernunft nicht bloß der Jiνακ̈ς nach vorhanden, ſondern da ſie ihm die ſchon ausgebildete Vernunftthätigkeit, das Urſprüngliche, völlig Unabhängige im Menſchen iſt, ſo bedarf ſie zu ihrer Wirklichkeit nicht der Sprache.
2²) O0 Qν έκ᷑πιαισανπτm,/q; νυς 05 101 εεκνν τd ονμμαμαα, dla νυσασα³⁹ς 2⁴νοισαην, wie
es nach dem Berichte des Proklus von Epikur heißt.


