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Urſprung und Weſen der Sprache.
Zu den großen Problemen, mit deren Löſung ſich denkende Menſchen ſeit den älteſten Zeiten angelegentlich beſchäftigt haben, gehört unter andern der Urſprung, die Natur und das Weſen der Sprache. Sehen wir von den Indern ab, welche ſchon ſehr früh in den Vedahymnen die Sprache zum Range einer Gottheit erhoben, wie ſie mit allen Dingen thaten, deren Weſen ſie nicht verſtanden!); ſo ſind es vor allen die wißbegierigen und ſcharfſinnigen Griechen, welche über den Urſprung und das Weſen der Sprache nachdachten und ſo die erſten Bauſteine zu einer Wiſſenſchaft der Sprache lieferten.„Die Außen⸗ welt oder die Natur und die Innenwelt oder der Menſchengeiſt“, ſagt M. Müller*),„ſetzte die alten Weiſen in nicht größeres Erſtau⸗ nen und entlockte ihnen nicht tiefere Orakelſprüche, als die Sprache, das Abbild beider, der Natur und des Geiſtes.“„Was iſt Sprache?“ war eine Frage, die ebenſo frühzeitig geſtellt wurde, als„Was bin ich“? und„Was iſt die ganze Welt um mich?“ Das Sprachproblem wurde in der That zu einem Kampfplatz, auf dem die verſchiedenen Schulen der alten griechiſchen Philoſophie ihre Kräfte maßen. Und ſo gibt es kaum einen namhaften griechiſchen Philoſophen von Heraklit, „dem Dunkelen“, bis auf die Stoiker herab, welcher nicht irgend einen Ausſpruch über die Natur der Sprache hinterlaſſen hat. Da die Philoſophen bei ihrer Betrachtung von philoſophiſchen Geſichts⸗ punkten ausgingen, war es natürlich, daß ihre Thätigkeit nicht der Sprache als ſolcher, ſondern dem Verhältniß derſelben zum Geiſte,
¹) Uebrigens ſind die Brahmanen ſpäter zu einer nüchternen Betrachtung der Sprache übergegangen. Ihre Leiſtungen in grammatiſcher Analyſe, die aus dem VI. Jahrhunderte v. Ch. datieren, ſind von keiner grammatiſchen Literatur irgend einer Nation übertroffen worden. Sie zuerſt haben den gelungenen Verſuch gemacht, die ganze Sprache auf eine kleine Anzahl Wurzeln zurückzu⸗ führen. S. M. Müller, Lectures on the science of language p. 79. ²) A. a. O. S. 80. 1 1*


