Aufsatz 
Über Buffon's Ausspruch:"Le style est l'homme nême" oder über die Bedeutung des Stils für die Charakteristik der Völker und Einzelnen, mit besonderer Berücksichtigung des deutschen Stiles
Entstehung
Einzelbild herunterladen

30

iſt die logiſche Betonung, obwohl auch dort, als in der Natur des menſchlichen Geiſtes begründet, urſprünglich vorherrſchend, allmählig durch die phonetiſche, auf das Ebenmaß der Laute gerichtete Beto⸗ nung zurückgedrängt und beſeitigt worden. Wenn daher die Beto⸗ nung in der deutſchen Sprache die Bildung der Lautverhältniſſe be⸗ herrſcht, ſo iſt ſie dagegen umgekehrt in jenen unter die Herrſchaft der Lautverhältniſſe geſtellt. In Folge davon beſitzen die alten Sprachen eine größere Fülle der Wortformen, eine mehr abge⸗ meſſene Rundung der Periode und überhaupt einen Rhythmus der Sätze, der das Ohr mehr befriedigt, während unſere Sprache größere Fähigkeit beſitzt die logiſchen Verhältniſſe der Begriffe und Gedanken in ihrem mannigfaltigen Wechſel und in ihren zarteſten Schattirun⸗ gen auf eine lebendige und verſtändliche Weiſe darzuſtellen. Hinſichtlich der Wortſtellung ſteht die deutſche Sprache zwiſchen den alten und den neueren Sprachen in der Mitte. Vor den roma⸗ niſchen Sprachen beſitzt ſie den Vortheil, daß ſie jedes Wort im Satze, das ſie nachdrücklich hervorheben will, zu Anfang des Satzes ſetzen kann 1). Was aber die alten Sprachen an Freiheit der Wort⸗ ſtellung vor der deutſchen voraus haben, das erſetzt die letztere hin⸗ länglich durch die logiſche Betonung, die es ihr erlaubt, jedes Wort

ſomit nicht ein Vorzug der neueren Sprachen, daß in ihnen die Betonung Hauptſache geworden iſt? Die alten ſchmückten hauptſächlich die Vorhalle der Gemüthswelt, die neueren dringen in das Allerheiligſte. Hat nicht alſo auch die Sprache der Menſchen jetzt höhere Bedeutung und höheren Cha⸗ rakter angenommen, indem ſie ſich aus der Sinnenwelt in das Gebiet des Geiſtigeren erhob? Ich möchte faſt ſagen, das Chriſtenthum wirkte auf das Innere des Sprachweſens ein und ſchied auch hier Altes und Neues. S. Mundt a. a. O. 43 ff.

¹) Der Satz: Er hat mir das Geld geſtohlen, gibt, je nachdem ich das eine oder andere Wort zu Anfang des Satzes ſetze und durch die Betonung her⸗ vorhebe, einen verſchiedenen Sinn. Er hat mir das Geld geſtohlen, und kein Anderer. Er hat mir das Geld geſtohlen, ich weiß es gewiß. Mir hat er das Geld geſtohlen, und keinem Anderen. Geſtohlen hat er mir das Geld, nicht abgeborgt. Das Geld hat er mir geſtohlen, und keinen Ring. Keine der uns bekannten Sprachen vermag, auch ohne die Wort⸗ ſtellung zu verändern, einfach durch die Betonung dem Gedanken ſo ver⸗ ſchiedene Wendungen zu geben.