16
dieſes Formenreichthums zeichnet ſich der Styl der beſſeren griechiſchen Schriftſteller durch Klarheit und Anſchaulichkeit ganz beſonders aus; die feinſten Modificationen und Unterſchiede der Begriffe, die zarteſten Schattirungen der Gedanken ſind durch beſondere Formen deutlich und beſtimmt ausgeprägt.¹1) Wie ſich in dem Reichthum und der Fülle der Formen der plaſtiſche Sinn der Griechen, der, was nur innerlich wahrgenommen und empfunden wird, auch äußerlich mit Laut zu umkleiden ſtrebt, offenbart; ſo tritt uns, andererſeits in dem Wohllaut und der Kraft derſelben der Schönheitsſinn der Griechen entgegen. Denn man kann den griechiſchen grammatiſchen Formen als Folge der großen Beyeglichkeit griechiſcher Phantaſie und der Zartheit des Schönheitsſinnes vor den übrigen des Stammes größere Leichtigkeit, Geſchmeidigkeit und gefällige Anmuth, gepaart mit Kraft, nicht abſprechen.²) Die griechiſche Sprache hält hier, wie in ſo
¹) Wir erinnern hier beiſpielsweiſe an den Reichthum der griechiſchen Zeit⸗ und Modusformen, vermittelſt welcher es der griechiſchen Sprache möglich war die feinſten Nüancirungen der Zeitanſchauung, ſowie der Denkform der Modalität(Wirklichkeit, Möglichkeit, Nothwendigkeit mit ihren Modi⸗ ficationen) genau und beſtimmt auszuprägen. Hinſichtlich der Zeiten des Imperfekts und Aoriſts bemerkt ſehr ſinnig G. Curtius: Bildung der tem⸗ pora und modi im Griechiſchen und Lateiniſchen S. 148:„Die Griechen waren es, die ſinnig den formellen Unterſchied zur Scheidung der Bedeu⸗ tungen verwandten, während der Inder ſeine Formenfülle unbenutzt ließ. Die urſprünglich freie lautliche Verſtärkung ward nun zum Symbol der Dauer, um mit dem kürzeſten Worte das zu bezeichnen, was das vielbe⸗ ſprochene Weſen des Imperfekts ausmacht. Der leichtere Aoriſt dagegen verblieb der Erzählung, bezeichnete reine, nicht näher modificirte Vergangen⸗ heit. Wie ein geſchickter Gemmenſchneider die Adern und Schattirungen ſeines Edelſteins zu benutzen weiß, um die herzuſtellenden Gegenſtände da⸗ durch hervorzuheben, ſo gebrauchte der ſchöpferiſche Sprachgeiſt jenen ihm gegebenen lautlichen Unterſchied zur Unterſcheidung der Bedeutung. Nun tönten dem Griechen nicht umſonſt ſeine Naſalen in 2416„avov, ſein Diph⸗ thong in 2εαι6ο. Für ſein empfindliches Ohr bezeichneten alle dieſe Ele⸗ mente das Dauernde, ſich Erſtreckende, während dem Inder ſeine Verſtär⸗ kungen wenigſtens in dem uns überlieferten Zuſtande der Sprache todte Schätze ſind.
Die griechiſche Sprache iſt vor andern ſtark darin, mehre Begriffe mit einem Worte zu bezeichnen z. B.„.ααςενεει Jungfrau ſein, raeruzios die ganze Nacht hindurch, JouoHets der zum Selaven gemachte.
85 —2


