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ſchen Geiſtes und Charakters und wie treten dieſelben im griechiſchen Style zu Tage? Wir glauben nicht zu irren, wenn wir als einen Grundzug des griechiſchen Charakters vor Allem den Schönheits⸗ ſinn bezeichnen.„Den Griechen war es verliehen, immer die vollſte und zarteſte Bedeutung aus der ſinnlichen äußeren Anſchauung zu ziehen und bei aller Regſamkeit und Freiheit der Einbildungskraft, aller ſcheinbaren Ungebundenheit der Empfindung, aller Veränder⸗ lichkeit der Gemüthsſtimmung, aller Beweglichkeit, von Entſchlüſſen zu Entſchlüſſen überzugehen, dennoch immer Alles, was ſich in ihnen geſtaltete, innerhalb der Grenzen des Ebenmaßes und des Zuſammen⸗ klanges zu halten.“ ¹) Neben dieſem angebornen Sinne für Schön⸗ heit, für Ebenmaß und Harmonie, der ſich in allen ihren Werken ausſpricht, ſteht ein anderer, ebenſo hervorſtechender Zug, ein außeror⸗ dentliches plaſtiſches Vermögen, eine ungewöhnliche Kraft, die Ideen und Gebilde der Phantaſie, ſei es durch die Kunſt oder in der Sprache, zu verkörpern. Zu dieſen beiden kommt als dritter Zug, der die Griechen auszeichnet, eine ungewöhnliche Anlage und Neigung zur Individualiſirung und Beſonderung, wie dieſelbe in allen ihren Lebensäußerungen, in der Verſchiedenheit der Religions⸗ culte, in der Mannigfaltigkeit der Staatsverfaſſungen, in den Styl⸗ arten der Baukunſt und der Muſik, ſowie in den verſchiedenen Dia⸗ lekten hervortritt. Dieſe Grundzüge des griechiſchen Geiſtes und Charakters, finden wir auch im griechiſchen Style wieder.
Was uns bei näherer Betrachtung des griechiſchen Styles zuerſt angenehm auffällt, das iſt die ſcharfe und plaſtiſche Ausprägung der grammatiſchen Begriffe und der Beziehungen derſelben untereinander, oder der inneren Sprachform, ſei es durch Ableitungs⸗ und Flexions⸗ ſylben oder durch beſondere Formwörter. Zunächſt dürfte das Griechiſche unter allen ſanskritiſchen Sprachen am reichſten ſein an Formen zur Bezeichnung der grammatiſchen Begriffe. 2²) Denn wenn auch das
¹) S. W. v. Humboldt a. a. O. S. 215.
²)„Einer der wichtigſten Unterſchiede der ſanskritiſchen Sprachen iſt das mehr oder minder ſichtbare Vorwalten richtiger und vollſtändiger grammatiſcher Begriffe und die Vertheilung der verſchiedenen Lautformen unter dieſelben. Eine ſolche ſorgfältige Beziehung der Formen auf die grammatiſchen Be⸗


