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Haben wir hiermit ganz im Allgemeinen angedeutet, wie ſich im Style der Geiſt und Charakter der Völker und Individuen nach den verſchiedenen Seiten hin offenbart; ſo wollen wir im Nachſtehen⸗ den verſuchen, den Styl einiger Völker und Individuen in den an⸗ gegebenen Beziehungen mit einander zu vergleichen und ſeine Eigen⸗ thümlichkeiten aus den beſonderen Geiſtes⸗ und Charakteranlagen der Völker und Schriftſteller zu erklären. Daß hierbei nur die Kultur— völker und unter ihnen wieder nur die bedeutendſten in Betracht kommen können, verſteht ſich von ſelbſt. Unter den indogermaniſchen Völkern beſitzen anerkannt die Griechen eine ſehr reiche, in jeder Be⸗ ziehung muſterhafte Literatur. Sie haben alle Gattungen der Poeſie und Proſa in gleicher Vortrefflichkeit ausgebildet und uns unſterbliche Muſter des Styls in ihnen hinterlaſſen. Zwar haben auch die Inder eine vortreffliche Literatur aufzuweiſen; allein dieſelbe beſchränkt ſich im Weſentlichen auf die Poeſie. Denn obſchon ihre Literatur uns noch nicht ganz aufgeſchloſſen iſt, ſo läßt ſich doch mit ziemlicher Sicherheit behaupten, daß ſie trotz der reichen, biegſamen und mit allen Mitteln, durch welche die Rede Gediegenheit, Würde und An— muth erhält, ausgeſtatteten Sprache, doch Nichts enthält, was ſich im Style den griechiſchen Geſchichtſchreibern, Rednern und Philo⸗ ſophen an die Seite ſetzen läßt. Welches ſind nun, fragen wir, von der Anſicht ausgehend, daß es im Charakter der Nationen und Individuen Grundzüge gibt, die ihren Einfluß auf alle geiſtigen Lebensäußerungen ausüben, welches ſind die Grundzüge des griechi—
denen, beim Styl in Betracht kommenden Punkte, des Wohllauts und Rhythmus, der Bildung und Beſchaffenheit der Wörter, ſowie endlich der Wortſtellung und des Satzbaues, andern Sprachen gegenüber ihr beſtimmtes Gepräge hat, welches eben das Nationale des Styles ausmacht; liegt in dem beſonderen Gebrauche, welchen der einzelne Schriftſteller von der ihm innerhalb dieſer Grenzen gelaſſenen Freiheit macht, das Eigenthümliche und Charakteriſtiſche des Individualſtyles. So ſehen wir innerhalb der durch den Charakter der deutſchen Sprache in Bezug auf Wortſtellung und Be⸗ tonung, auf Wortbildung und Satzbau dem Schriftſteller gezogenen Grenzen die größte den Geiſt und Charakter der Schriftſteller wiederſpiegelnde Ver⸗ ſchiedenheit. Welcher Unterſchied zwiſchen dem Style Klopſtock's und Wie⸗ land's, Leſſing's und Herder's, Schiller's und Göthe's nach allen dieſen Beziehungen!


