Aufsatz 
Über Buffon's Ausspruch:"Le style est l'homme nême" oder über die Bedeutung des Stils für die Charakteristik der Völker und Einzelnen, mit besonderer Berücksichtigung des deutschen Stiles
Entstehung
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hervortreten zu laſſen. Da ſich in der Periode in der höchſt mög⸗ lichen Klarheit der Form die Art ſpiegelt, wie der Menſch die Be⸗ züge der Erſcheinungen zur Einheit auffaßt; ſo führt ihr Bau in das tiefſte Geheimniß des Styls ¹). Allein auch über dieſe bedeutend erweiterte Einheitsform geht die Sprache hinaus durch die Erzeugung des Rede oder Schriftganzen. Weil nämlich eine Periode, und wäre ſie noch ſo ſehr erweitert, ſelten den Gedankeninhalt über einen Gegen⸗ ſtand zu erſchöpfen vermag; ſo entſteht ein Ganzes von Sätzen, in welchem einfache Sätze mit zuſammengeſetzten und Perioden abwech⸗ ſeln und das nach Art des Schluſſes die Dreigliedrigkeit von Ein⸗ gang, Mitte und Schluß hat. Indem aber die Natur des Gegen⸗ ſtandes ſowohl, als die Individualität und der Zweck des Schreiben⸗ den auf die Darſtellung einwirken; ſo bilden ſich im allmähligen Fort⸗ ſchritte Rede⸗ und Schriftgattungen, welche entweder der Poeſie oder der Proſa angehören und unter dem gemeinſamen Namen der Lite⸗ ratur eines Volkes zuſammengefaßt werden. Auch hierin gibt ſich ſchließlich der Geiſt und Charakter eines Volkes zu erkennen, und es iſt bedeutſam, ob die Poeſie oder die Proſa, ob in der Poeſie die epiſche, die lyriſche, oder die dramatiſche Gattung, in der Proſa der Ideal- oder der Realſtyl überwiegen. Faſſen wir das Geſagte kurz zuſammen, ſo gibt ſich der Styl einer Sprache kund in dem größeren oder geringeren Wohllaut und Rhythmus, in der Wahl, Stellung und Betonung der Wörter, in dem Satzbau und zuletzt in der Natur und Beſchaffenheit der Schriftgattungen, welche ſie ausbildet. Es vereinigt aber der Styl, ebenſo wie die Sprache überhaupt, die beiden ent⸗ gegengeſetzten Eigenſchaften in ſich, ſich als Ein Styl in derſelben Nation in unendlich viele zu theilen, und als dieſe vielen, gegen die Stylarten anderer Nationen mit beſtimmtem Charakter, als Einen zu vereinigen. Wir ſind daher vollkommen berechtigt, ebenſowohl von einem National- als einem Individualſtyl zu ſprechen und dem Aus⸗ ſpruche Buffons:Le style est l'homme hinzuzufügenLe style national est la nation. ²)

¹) S Rinne a. a. O. S. 280.

²) Hinſichtlich des Verhältniſſes des individuellen Styles zum nationalen iſt zu bemerken: Während jede ausgebildete Sprache hinſichtlich der verſchie⸗