Aufsatz 
Über Buffon's Ausspruch:"Le style est l'homme nême" oder über die Bedeutung des Stils für die Charakteristik der Völker und Einzelnen, mit besonderer Berücksichtigung des deutschen Stiles
Entstehung
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ſeiner Verhältniſſe, doch kein vollkommen übereinſtimmendes, gleich⸗ ſam mathematiſch kongruentes iſt, und da die Satzbildung nicht bloß den Geſetzen des Denkens, ſondern auch denen des Gefühles und Begehrens, ſowie des Wohllauts unterworfen iſt; ſo findet, je nach⸗ dem mehr der Verſtand, oder das Gefühl und die Phantaſie, oder der Sinn für Wohllaut und Rhythmus bei Völkern und Individuen vorherrſchend iſt, bald dieſe, bald jene Form der Satzverbindung Statt. Hieher gehören auch die ſyntaktiſchen Konſtruktionen, wie die des Akkuſativs mit dem Infinitiv, der Kaſus abſoluti und der Attraktion, als beſondere Formen der zuſammengeſetzten Sätze und finden in beſon⸗ deren geiſtigen Eigenthümlichkeiten der Völker ihre Erklärung. Rech⸗ nen wir hierzu endlich noch, was wir in Bezug auf die einzelnen Wörter bereits beim einfachen Satze erwähnt haben, die Stellung der Sätze zu einander, ſowie ihre Betonung; ſo eröffnet ſich uns ein weites Feld für die Beurtheilung der geiſtigen Eigenthümlichkeit der Völker und Einzelnen.

Aber auch bei der Satzverbindung und dem Satzgefüge bleiben die Sprachen der gebildeten Völker nicht ſtehen. Im Einklange einer⸗ ſeits mit der immer größeren Individualiſation der Außen⸗ und Innen⸗ welt, dem tieferen Eindringen in den Zuſammenhang der Dinge, ſo⸗ wie andererſeits mit den immer mehr entwickelten Sprachmitteln bildet die Sprache und der Volksgeiſt größere Satzganze, beſtehend aus mehreren Satzverbindungen und Satzgefügen und es entſteht die Periode im eigentlichen und höheren Sinne des Wortes 1). In ihr erreicht die ſprachliche Darſtellung in Bezug auf die Kunſt und Mannigfal⸗ tigkeit der formellen Gedankenverknüfung den Gipfel ihrer Vollendung. Durch die ſtrenge Periodenform iſt es ihr gewährt, einen Grundge⸗ danken in den Brennpunkt der verwandten und begründenden, be⸗ leuchtenden und überzeugenden Nebengedanken zu ſetzen, ihn in den ſanfteſten Wellenlinien anſchwellen, zur ſchönſten plaſtiſchen Körper⸗ lichkeit ausbilden und ſo auf das tiefſte, klarſte und ſchönſte

¹) Die Erklärungen einer Periode von den Zeiten des Ariſtoteles bis auf die Gegenwart ſind ſehr verſchieden, welches hauptſächlich darin ſeinen Grund hat, weil das Wort in einem engeren und weiteren Sinne genommen wird; ſ. Rinne Theoretiſche deutſche Styllehre S. 271.