Aufsatz 
Über Buffon's Ausspruch:"Le style est l'homme nême" oder über die Bedeutung des Stils für die Charakteristik der Völker und Einzelnen, mit besonderer Berücksichtigung des deutschen Stiles
Entstehung
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doch andererſeits wieder nach der Verſchiedenheit des Nationalgeiſtes, der ſich in ihnen ausſpricht, weit auseinander. Zufolge des dem Menſchen eingebornen Triebes der geiſtigen Entwicklung durch die Sprache bilden ſich, wie die einzelnen vokaliſchen und konſonantiſchen Laute innerhalb des Wortes, nach einer beſtimmten in der Natur des Geiſtes begründeten Folge 1) aus den lautlich und intellektuell noch unbeſtimmten Wurzeln innerhalb der Gedankeneinheit des Satzes die Wörter. Sämmtliche Wörter aber zerfallen in zwei Klaſſen, in Stoff⸗ und Formwörter. Während die erſteren die Gegenſtände der Wahrnehmung ſelbſt darſtellen nach den Kategorien des Seins (nomina) oder der Thätigkeit(verba); drücken die letzteren bloße Anſchauungs⸗ und Denkformen oder auch blos der Sphäre des Sub⸗ jekts angehörige Denkbeſtimmungen, logiſche Verhältniſſe und Willens⸗ äußerungen, wie Bejahung und Verneinung, Frage, Zweifel, Grund und Urſache, Mittel und Zweck, Möglichkeit, Wirklichkeit, Nothwen⸗ digkeit u. ſ. w. aus. In der genaueren und ſchärferen oder unbe⸗ ſtimmteren und ſchwächeren Ausprägung dieſer logiſchen Verhältniſſe und Beziehungen, ſei es mehr durch organiſche Wortendungen und Flexionen, wie in den ſynthetiſchen, oder durch beſondere Formwörter, wie in den analytiſchen Sprachen, zeigt ſich das ſchwächere oder ſtär⸗ kere logiſche Vermögen der Völker und damit ein Gradunterſchied der im Principe verwandten ſanskritiſchen Sprachen. Liefert uns dem⸗ nach eine eingehende Betrachtung der grammatiſchen und ſyntaktiſchen Formen jener Sprachen einen untrüglichen Maßſtab zur Beurtheilung des logiſchen Vermögens der Völker; ſo bietet uns die Wahl der Wörter und Ausdrücke, je nachdem dieſelben mehr bildlich und anſchau⸗ lich oder begrifflich und abſtrakt ſind, ferner die Stellung der Wör⸗ ter im Satze, je nachdem dieſelbe mehr frei, wie in den ſynthetiſchen oder feſt beſtimmt iſt, wie in den analytiſchen Sprachen, ſowie auch die Betonung, ſei es, daß dieſelbe den Geſetzen des Wohllauts (phonetiſche Betonung) oder der Bedeutung(logiſche Betonung) folgt, und endlich der damit zuſammenhängende größere oder geringere Wohlklang und Rhythmus die Handhabe und das Mittel zu den

*) S. Rinne Organismus der Styl⸗ oder Aufſatzlehre S. 4.