Aufsatz 
Über Buffon's Ausspruch:"Le style est l'homme nême" oder über die Bedeutung des Stils für die Charakteristik der Völker und Einzelnen, mit besonderer Berücksichtigung des deutschen Stiles
Entstehung
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So entwickeln ſich in immer umfaſſenderen und beſtimmteren Ein⸗ heiten gleichzeitig auf der Seite des Denkens die Wahrnehmungen und Anſchauungen, aus dieſen die Vorſtellungen, aus den Vorſtel⸗ lungen die Begriffe, aus den Begriffen die Urtheile, aus den Ur⸗ theilen die Schlüſſe und größeren Gedankenganzen, auf der Seite des Sprechens aber die Wurzeln, aus den Wurzeln die Wörter, aus den Wörtern die Sätze, aus den Sätzen die Satzverbindungen und wei⸗ terhin die größeren Rede⸗ oder Schriftganzen. Dieſer hier kurz an⸗ gedeutete Gang iſt ein nothwendiger, weil in der Natur des menſch⸗ lichen Geiſtes begründet, und daher bei allen Völkern der Erde im Weſentlichen derſelbe. Nicht alle Völker ſind jedoch ſo glücklich den ganzen Proceß in normaler und naturgemäßer Weiſe zu vollziehen und ſich ſo in ihrer Sprache das angemeſſene Organ ihres Denkens zu erſchaffen; ſondern in Folge angeborner Schwäche des Denk⸗ und Sprachvermögens bleiben einige auf untergeordneten Stufen ſtehen, während andere geiſtes⸗ und ſprachkräftigere Völker ſich zu den voll⸗ kommenſten Bauen, welche der Freiheit des Gedankenfluges ſichere Grundlagen verleihen, erheben. So ſind die Chineſen in ihrer Sprache nicht über die einſylbigen Wurzeln hinausgekommen, die ſie nur höchſt unvollkommen durch Stellung und Betonung 1) zur Satzeinheit ver⸗ binden können,) während die amerikaniſchen Sprachen gerade um⸗ gekehrt durch gegenſeitige Einkörperung der Glieder jeden Satz auch dem äußeren Sinne als Ein logiſches Wort kundgeben. ³) Und ein

¹) Ein und dieſelbe Wurzel hat ganz verſchiedene Bedeutungen, wird zu einem ſubſtantiell anderen Wort, je nachdem der Ton ſteigt oder ſinkt oder gleich⸗ mäßig austönt, wovon uns die verſchiedenen Weiſen, wie wir die Inter⸗ jektionen ah, oh, na ausſprechen, einigermaßen eine Vorſtellung geben. S. Heyſe Sprachwiſſenſchaft. S. 328.

Die chineſiſche Satzbildung iſt eine bloße Nacheinanderſtellung der Laute ohne alle Deklination und Konjugation, z. B. waͤng' jon schüi, wörtlich: König trinken Waſſer, d. h. der König trinkt oder trank Waſſer; mu zar jeü, wörtlich: Vater, Mutter drin Garten, d. h. der Vater und die Mutter ſind oder waren im Garten. S. Religion und Philoſophie v. A. Gladiſch. S. 7.

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1 2 4 2 3 4 5 3) Ninaca-qua heißt im Merikaniſchen: Ich eſſe Fleiſch, Ni-e-chihui-lia in-

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8 3 2 no-piltzin-ce-calli, ich mache es für der mein Sohn ein Haus. S. W. v. Humboldt, Einleitung in die Kawiſprache S. 165 ff.