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Seite, das Wort und der Satz ihr Licht und ihr Verſtändniß. ¹) Von dieſem Standpunkt aus wollen wir auch im Nachſtehenden unſer obiges Thema, den Styl in ſeinem Verhältniß zum menſchlichen Geiſte überhaupt und zum Geiſte der Völker und Individuen ins⸗ beſondere etwas genauer betrachten.
Das Wort Styl vom gr. G15408 d. i. Griffel wird metony⸗ miſch auf die Sprache angewandt und bedeutet die eigenthümliche Art und Weiſe ſchriftlicher Darſtellung eines Individuums oder im weiteren Sinne eines Volkes. Den Mittelpunkt und gewiſſermaßen die Grundlage des Styls als des ſprachlichen Ausdrucks eines größeren Gedankenganzen, bildet der Satz nach allen ſeinen Beziehungen. Die Sprache läßt nämlich eine doppelte Betrachtung zu, einmal nach den einzelnen organiſchen Beſtandtheilen, d. h. den Wörtern für ſich und dann, inſofern ſie zu Satzganzen verbunden ſind. Beide Seiten haben ihre Bedeutung für die Erkenntniß des Volksgeiſtes; allein die bei weitem wichtigſte iſt die zweite, welche ſich mit dem Satze, dem ſprachlichen Ausdrucke einer Gedankeneinheit beſchäftigÄt. Denn während die Wörter einer Sprache, näher betrachtet, uns den Um⸗ fang und die urſprünglichen Vorſtellungen der einem Volke zum Be⸗ wußtſein gekommenen Gegenſtände kennen lehren; führt uns die tiefere Erforſchung des Satzbaues in den Organismus und die Technik des Denkens, in die logiſchen Kategorien und Geſetze ein, wie ſie ein Volk aufgefaßt und in ſeiner Sprache ausgeprägt hat, und enthüllt uns in der Wahl und Stellung der Wörter die Färbung, welche die Gedanken von der Einwirkung der Phantaſie und des Gemüthes empfangen. Schon der einfache Satz und die Art und Weiſe ſeines Baues gibt uns gründliche Aufſchlüſſe über das Weſen des Denkens und Sprechens überhaupt und das der einzelnen Völker insbeſondere. Wie der Pflanzenkeim erſt nach und nach in immer beſtimmteren Bil⸗ dungen durch Wurzel, Stamm, Aeſte, Zweige und Blätter hindurch zu ſeinem vollen Organismus ſich entwickelt; ſo geht auch das Denken und Sprechen in gleichzeitigen Akten durch immer genauere und beſtimmtere Bildungen hindurch, bis es ſeinen vollen Organismus erreicht hat.
¹) Vgl. das Programm der Selektenſchule v. 1859, zu welchem ſich die vorliegende Arbeit wie die ſpecielle Ausführung eines Theiles zum Ganzen verhält.


