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Studien neuerer Zeit) eine reiche Quelle des hiſtoriſchen Wiſſens geworden. Eben weil ſie das Produkt der geiſtigen Kraft des Menſchen ſind, führen ſie uns mittelſt der Grundzüge ihres Organismus in eine dunkle Ferne, in eine ſolche, zu welcher keine Tradition hinauf⸗ reicht. Das vergleichende Sprachſtudium zeigt, wie durch große Länderſtrecken getrennte Volksſtämme mit einander verwandt und aus gemeinſchaftlichem Urſitze ausgezogen ſind; es offenbart den Weg und die Richtung alter Wanderungen; es erkennt, den Entwicklungsmo⸗ menten nachſpürend, in der mehr oder minder veränderten Sprach⸗ geſtaltung, in der Permanenz gewiſſer Formen oder in der bereits fortgeſchrittenen Zertrümmerung und Auflöſung des Formenſyſtems, welcher Volksſtamm der einſt im gemeinſamen Wohnſitze üblichen, gemeinſamen Sprache näher geblieben iſt.“ ¹) Nicht minder bedeu⸗ tende Fortſchritte hat in neuerer Zeit die philoſophiſche Sprach⸗ wiſſenſchaft gemacht. Während man nämlich noch vor nicht langer Zeit in der Sprache einen Abriß der formalen Logik ſuchte und Alles, was mit den logiſchen Kategorien und Geſetzen des Denkens nicht übereinſtimmte, als Ausnahme und Verkehrtheit des tyranniſchen Sprachgebrauchs anſah,²) betrachtet man jetzt die Sprache als das erſte und umfaſſendſte Erzeugniß des Volksgeiſtes, in welchem ſich der Geiſt und der Charakter des Volkes mit ſeiner ganzen Eigen⸗ thümlichkeit allſeitig wiederſpiegelt. Man ſucht daher die eigenthüm⸗ lichen Erſcheinungen auf dem Gebiete der Sprachen, die Wort⸗ und Satzformen nicht mehr nach einem über und hinter der Sprache liegenden logiſchen Schema, ſondern aus dem beſonderen Volksgeiſte, wie er ſich in allen übrigen Lebensäußerungen offenbart, mit einem Worte aus der Volkspſychologies) zu erklären. Von hieraus empfangen alle Theile der Sprache, die phonetiſche und intellektuelle
¹) S. Alexander v. Humboldt im Kosmos. B. II. S. 142. ff.
²) Dieſen Standpunkt hat in neuerer Zeit noch Gottfr. Hermann eingenommen. Vergl. De emendanda ratione Graecae grammaticae und ſeine Bemer⸗ kungen zum Viger.
²) Ueber den Begriff dieſes zuerſt von Dr. Lazarus in die Sprache eingeführten Wortes ſ. die Zeitſchrift für Völkerpſychologie und Sprachwiſſenſchaft von Dr. Lazarus und Steinthal I. H.


