19.
Dreitheilig sind z. B. die Alcäische und die Sapphische Strophe. Bei der ersteren entsprechen sich die zwei ersten ganz gleichen Verse; der dritte und der vierte bilden ein Ganzes, dessen erste Hälfte(der dritte Vers O-O- O- O- O den Bau der ersten Hälfte(O— O— O) jedes der beiden Anfangsverse fortführt, dessen zweite Hälfte(der vierte Vers— O— O0— O—O ebenso die zweite Hälfte(O—) jedes der beiden Anfangsverse fortbildend wieder aufnimmt. In der Sapphischen Strophe entsprechen sich wiederum Vers 1 und 2; das dritte Strophenglied wird gebildet durch einen ebensolchen Vers(— 0 ——- O0-— O—, erweitert durch den Adonischen Vers(— 00)— O,) die zusammen, mögen sie immerhin in zwei Reihen geschrieben wer- den, doch eine rhythmische Einheit bilden.
20.
Dreitheilig ist fernerhin gewöhnlich die Liederstrophe im Mittel- alter: zwei Stollen, ein Abgesang. Sodann die Stanze: Zwei gleiche Glieder, aus je zwei Versen bestehend, entsprechen einander; im dritten abschliessenden Glied werden zwei ebensolche Verse wieder- holt, vermehrt jedoch um die zwei durch den Reim unmittelbar ver- bundenen Abschlusszeilen. Die Strophe besteht also aus 2+ 2+ 4(= 2+ 2) Versen. Das Sonett ist die doppelte Stanze, doppelt damit diese einzelne Strophe doch selbständig als Gedicht auftreten könne. Die zwei Abschlussverse bleiben um ihres Zweckes willen un- verändert; das Uebrige wird in der Weise verdoppelt, dass wo die Stanze ein Glied von zwei Versen hat, hier ein Glied von vier Versen auftritt, also 4+ 4+ 6( /4+ 2). Am deutlichsten zeigt diese Form das englische Sonett mit seinem Couplet am Ende. Im italie- nischen Sonett ist die Zusammengehörigkeit der letzten sechs Zeilen in der Reimverschlingung derselben durchgeführt.
21.
Treten mehrere der letzterwähnten höheren Einheiten, Verse oder Strophen, zu einander in solche Beziehung dass sie die Em- pfindung eines zusammengehörigen Ganzen erwecken, so entsteht eine neue höhere rhythmische Einheit, das Gedicht.


