Da die Strophe, um als neue Einheit wirken zu können, als solche fühlbar werden muss, so bedarf sie eines deutlichen Abschlusses. Dieser wird in unvollkommnerer Weise durch den Sinn allein bewirkt, und dies muss stets eintreten sobald die Strophe aus ganz gleich- artigen Versen besteht. In der Regel aber wird der Abschluss be- reits durch die Form hinlänglich deutlich, indem er durch einen oder mehrere von den vorhergehenden Versen im Bau unterschiedene Verse oder durch besondere Reimstellung und-bildung angedeutet wird. Zugleich wird hierdurch für den Sinn eine grössere Freiheit gewonnen.
So ist z. B.»die Rache« von Uhland in Strophen geschrieben, seine»Schwäbische Kunde« dagegen nicht, während in beiden Fällen je zwei untereinander gleiche und durch den Reim verbundene Verse einander folgen. Allein in dem ersten Gedicht schliesst der Sinn nach dem zweiten Verse jedesmal ab, im zweiten Gedicht je— doch nicht. Man wird daher auch z. B. das Widmungsgedicht des Horaz an den Mäcenas, Od. I. 1, nicht, wie es in neuerer Zeit oft geschient, in Strophen abtheilen dürfen: bei den ganz gleichartigen Versen dürfte der Abschluss des Sinnes nicht fehlen, das alsdann einzige Mittel um die Strophe als solche erkennbar und fühlbar zu machen. Bei Strophen ungleichartiger Verse ist dagegen das Herübergreifen des Sinnes sehr häufig bei Griechen und Römern. Für das deutsche Ohr jedoch erscheint es immer als gekünstelt, und wir ziehen in deutschen Gedichten auch bei antiken Versmassen das Zusammentreffen von Form- und Sinnabschluss bei der Strophe vor. Ein lautes Lesen beider Arten beweist diesen Satz am besten.
18.
Die leicht erkennbaren Theile des Ganzen einer Strophe lassen sich, abgesehen von den kunstreicheren Compositionen, meist auf das Verhältniss der Zweiheit oder der Dreiheit zurückführen, die natur- gemäss am leichtesten gecignet sind eine Zusammenfassung hervor- zurufen. Die Strophen zerfallen somit in zweitheilige und drei- theilige. Die zweitheiligen entsprechen wiederum den parallelen Linien, die dreitheiligen einem ebensolchen Paar, zu dem noch eine dritte parallele Linie hinzukommt, welche länger oder kürzer als die beiden andern ist und ebendadurch das Bild zum Abschluss bringt.


