Aufsatz 
Der Rhythmus als Grundlage einer wissenschaftlichen Poetik
Entstehung
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insofern er zum Rhythmus der Sylbenmessung hinneigt, ist der Rhyth-

mus des Anklangs nicht mehr unbedingt nothwendig und fehlt daher häufig.

13.

Einen cbensolchen Uebergang bietet uns die deutsche Poesie seit Opitz dar. Nach ihm sollen die betonten Sylben als lang, die unbetonten als kurz gelten und damit der Uebergang vom Rhythmus des Accents zu dem der Sylbenmessung gemacht werden. Ein bedeutender Schritt vorwärts in dieser Richtung ist es dass jetzt auch unbetonte Sylben bereits um ihrer lautlichen Beschaffenheit willen als lang gelten. Im Allgemeinen sträubt sich jedoch die deutsche Sprache gegen diesen Uebergang und kehrt zum Rhythmus des Accentes gern und fröhlich zurück. Interessant ist es wie sich dieser Uebergang abspiegelt in unserem grössten deutschen Gedicht, im Faust, bei welchem sich in der Formverschiedenheit des ersten und zweiten Theils der Ueber- gang von der volksthümlichen Poesie zum Classicismus gleichsam sinn- bildlich dargestellt findet.

Dieser im Deutschen nicht vollständig durehgedrungene Ueber- gang hat sich im Englischen consequent vollzogen: die betonte Sylbe gilt jetzt als lang, die unbetonte als kurz.

14.

Während bei den übrigen Rhythmen die nächsthöhere Einheit der sogleich zu besprechende Vers ist, bildet der Rhythmus der Sylbenmessung zuerst noch ein kleineres Ganzes, den Versfuss: eine oder mehrere Längen treten mit einer oder mehreren Kürzen in ein bestimmtes Verhältniss und werden dadurch als neue höhere Einheit empfunden.

15.

Treten mehrere der besprochenen Einheiten Hebungen, Syl- ben, Versfüsse in ein bestimmtes, sie als zusammengehörig kennt- lich machendes Verhältniss, so entsteht eine neue höhere rhythmische Einheit, die Wortreihe, der Vers.

16. Treten mehrere Verse in ein Verhältniss, welches sie als zu-

sammengehörig und eine einheitliche Wirkung erzielend kundgiebt, so entsteht eine neue höhere rhythmische Einheit, die Strophe.