Aufsatz 
Der Rhythmus als Grundlage einer wissenschaftlichen Poetik
Entstehung
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Hebungen als solche nicht mehr fühlbar würden. Dieser Rhythmus ist das Princip unserer althochdeutschen und mittelhochdeutschen Poesie.

10.

Die weitere Stufe ist die Hereinziehung nicht nur aller Wörter, sondern überhaupt aller Sylben unter den Einfluss des Rhythmus. Doch ist es zunächst nur ihre Zahl welche den Ausschlag giebt, ohne Berück- sichtigung der mehr oder minder betonten Sylben. Dieses Princip des Rhythmus der Sylbenzählung erscheint in den romanischen Sprachen.

11.

Es scheint dass zu dem Rhythmus des Accentes sowohl als zu dem der Sylbenzählung stets noch der Rhythmus des Anklanges in der einen oder der andern Gestaltung hinzutreten muss, damit das volle Bewusstsein der ästhetischen Form erreicht werde. Wenigstens erscheinen thatsächlich jene beiden Rhythmen in der Regel in Beglei- tung des letzteren: die nach den Gesetzen des Accentes und der Syl- benzählung gebildeten Verse weisen zugleich Alliteration oder Asso- nanz oder Reim auf.

12.

In dem Worte ruht jedoch, insofern es zu seinem Ausklingen der Zeit bedarf, noch eine weitere Möglichkeit zur Verwendung des Rhyth- mus: der Unterschied der Länge und der Kürze seiner Sylben, die Quantität. Dadurch dass der Rhythmus nun auch diese Möxglichkeit erfasst, entwickelt sich der der musikalischen Messung entsprechende Rhythmus der Sylbenmessung, der ganz unabhängig vom Ac- cent ist und gleichsam wie die Melodie über dem Worte schwebt. Da- her lässt sich die Melodie eines Hexameters z. B., auch ohne Worte denken und lautlich mittheilen; bei einem nach dem Rhythmus des Accentes oder dem der Sylbenzählung gebauten Verse ist beides nicht möglich: das Wort gehört nothwendig hinzu. Der Rhythmus der Syl- benmessung ist das herrschende Princip in dem Griechischen und dem klassischen Latein, während der alte saturnische Vers offenbar in den Rhythmus des Accentes hineinschlägt, und als zur Periode des Ueber- ganges der nationalen Poesie zur Nachahmung der griechischen ge- hörend, zwischen beiden Principen schwankt. Insofern er zum Rhyth- mus des Accentes gehört, findet sich nach der obigen Bemerkung gleichzeitig der Rhythmus des Anklangs in allen seinen Arten; aber