Aufsatz 
Der Rhythmus als Grundlage einer wissenschaftlichen Poetik
Entstehung
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Und: Jedes Ganze muss, wenn es ästhetisch wirken soll, in leicht erkennbare Theile zerfallen, welche sich wie von selbst zu einer Zusammenfassung darbieten.

3.

All dies behält natürlich seine Geltung, wenn für die Raumein- heiten Zeiteinheiten eintreten. Der graden Linie entspricht der ein- fache Ton, dem Abstand der parallelen Linien die Pause zwischen zwei Tönen. Mehreren Parallelen würde z. B. ein aus zwei Anschlä- gen bestehendes Glockengeläute entsprechen. Auch hier lässt sich der Beweis daffir dass das Wohlthuende der ästhetischen Form in der Anregung zu einheitlicher Auffassung der Theile liegt, am leich- testen aus der Gegenprobe führen. Man denke sich nur dass in dem Glockengeläute ein Anschlag ausfällt, und die vorher bestehende ein- heitliche Wirkung wird durch die jetzt eintretende Zerstörung dersel- ben vollständig klar. Oder man denke bei einer zwölf schlagenden Uhr die Abstände zwischen je zwei Schlägen immer ungleich gross, und wir empfinden scharf den Mangel, welcher ohne die Auffassung aller Einheiten als eines Ganzen nicht empfunden werden könnte.

Also:

Auch Zeiteinheiten, mögen sie durch das Klingen oder Ausbleiben des Tones(»Pausen«) bemerkbar werden, bil- den, sobald sie durch ihr Verhältniss zu einander uns anre- gen sie als Ganzes von einheitlicher Wirkung aufzufassen, eine Form im ästhetischen Sinne.

4.

Die klingenden Zeiteinheiten stellen sich dar entweder als Töne; diese können durch Nacheinanderklingen oder durch Zusammenklingen die einheitliche Empfindung erwecken als Melodie oder als Har- monie. Oder als Worte, d. h. Verbindungen von Lauten, welche in dieser Verbindung ursprünglich nur sinnliche Vorstellungen, weiterhin aber auch abstracte Vorstellungen, Begriffe, erwecken. Die Worte dienen der Poesie im engeren Sinn als Material. Die Worte sind daher die ursprünglichen Einheiten, die Theile der uns in den poetischen Formen begegnenden Ganzen. Also:

Will man die in den poetischen Formen uns begegnenden Ganzen einer Betrachtung unterwerfen, so hat man vom Wort als der ursprünglichen Einheit auszugehen.