Aufsatz 
Der Rhythmus als Grundlage einer wissenschaftlichen Poetik
Entstehung
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dem Boden oder der Decke parallel, wodurch wir alsdann im Gegen- satz zu der vorigen Empfindung eine entschieden befriedigende, wohl- thuende Wirkung verspüren. Dies würde aber nicht eintreten, wenn wir die zwei ursprünglich und an und für sich einander ganz fremden Linien als getrennte und für sich bestehende Einheiten betrachteten, und nicht vielmehr durch sie angeregt würden, sie in Beziehung auf einander und somit als ctwas Zusammengehöriges, als eine höhere Einheit, als ein Ganzes aufzufassen und als solches einheitlich auf uns wirken zu lassen. Wir können daher den Satz aufstellen:

Wenn zwei Einheiten uns anregen sie als ein Ganzes aufzufassen, welches als solches eine einheitliche Empfin- dung in uns erweckt, so haben wir eine ästhetische Form anzuerkennen.

2.

Tritt zu diesem einen Paar paralleler Linien ein zweites dem ersten wiederum parallel laufendes Paar hinzu, in welchem sich diesel- ben Bedingungen wiederholen, so zeigt sich bei diesen Paaren in ihrem Verhältniss zu einander dieselbe Wirkung wie vorher bei den zwei einzelnen Linien: sie erwecken in uns die Empfindung des Zusammen- gehörens und üben als Ganzes eine einheitliche Wirkung aus. Den Be- weis liefert auch hier die entsprechende Gegenprobe. Denselben Er- folg ergiebt die Erweiterung des Versuches durch ein drittes, viertes u. s. w. Paar, so dass wir nun den Satz aufstellen können:

Jede aus ursprünglichen Einheiten entstandene höhere Einheit vermag wiederum als neue niedere Einheit zur Her- vorbringung einer neuen höheren Einheit zu wirken.

Ferner:

Jede ästhetisch wirkende Form ist nie ein ursprünglich Ganzes, sondern eine aus niederen Einheiten bestehende höhere Einheit, welche als Ganzes einen einheitlichen Ein- druck hervorzubringen vermag.

Die ästhetische Wirkung besteht gerade in dem wohl- thuenden Gefühl welches in uns entsteht, sobald wir ange- regt werden eine Reihe von Einheiten als ein Ganzes von einheitlicher Wirkung aufzufassen.

Die niederen Einheiten verhalten sich zu der höheren Einheit wie die Theile zu ihrem Ganzen.