Der Rhythmus
als Grundlage einer wissenschaftlichen Poetik.
Der Rhythmus. 1.
Soll eine Poetik nicht blos eine Aufzühlung der mannichfaltigen poetischen Formen, sondern auch deren Entwicklung und Begründung enthalten, so bedarf es hierfür einer überall gültigen Grundlage, auf welche in jedem einzelnen Falle zurückgegangen werden kann. Diese kann nur in dem bestehen, was allen poetischen Formen in gleicher Weise als charakteristisches Merkmal zukommt. Dieses selbst aber kann kein anderes sein als das der ästhetischen Form überhaupt. Es ist daher zuerst das der Form im ästhetischen Sinne überhaupt zu- kommende charakteristische Merkmal darzulegen. Wir gehen hierbei von einem möglichst einfachen Versuche aus.
Denken wir uns eine grade Linie gezogen, so erweckt uns der durch sie bewirkte sinnliche Eindruck keine irgendwie in besonderer Weise wohlthuende Empfindung, und von einer ästhetischen Form kann daher keine Rede sein.
Denken wir uns aber in geringer Entfernung eine zweite grade Linie gleicher Lünge parallel mit der ersten gezogen, so werden wir in der jetzt erweckten Empfindung etwas Wohlthuendes verspüren, was in jener ersten Empfindung nicht vorhanden war. Es ist aller- dings gering und entgeht darum leicht dem Bewusstsein, tritt aber durch die Gegenprobe deutlich hervor. Man lege die zweite Linie gegen die erste ein wenig schief, so dass die Richtung jener noch eine ähnliche ist, der Parallelismus aber wegfällt, und man hat den sehr entschiedenen Eindruck einer unangenehmen Empfindung. Ein Beispiel aus der Wirklichkeit giebt ein schief hängendes Bild: es verletzt das Auge und wir suchen es grade zu hängen, d. h. mit


