Aufsatz 
Zur Geschichte des deutschen Meistergesanges / von Otto Weddigen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

17 Schillinge befestigt waren. Auf dem mittleren war König David abgebildet, wie er die Harfe spielt.(Davidsgewinner.) Der zweite Sieger erbielt einen seidenen Blumenkranz; ¹) der erste durfte in der nächsten Singschule mit imGemerke sitzen. Der Kranzgewinner stand bei der folgenden Sitzung an der Kirchenthür und nahm das Geld entgegen.

Die Fehler wurden den übrigen Singern erst nach dem Singen bezeichnet; den Siegern aber war es auferlegt demütig zu pleiben und auf andere nicht stolz herabzusehen. Kette und Kranz waren aber nicht Geschenke. sondern nur Auszeichnungen für die Dauer des Tages Nach der Singschule zogen die Gesellschafter auf dieZech, wo statt des Ernstes der Kirche Froh- sinn herrschte, doch war jedes übermälsige Trinken verboten. EinZechkranz wurde in der meist verräucherten, nur mit einfachen hölzernen Bänken und Tischen versehenen Schenke von dem, derversungen hatte, zur Bufse, von dei Sieger, wenn er zum erstenmalebegabt war, zur Ehre gegeben. Zumeist aber wurde die Zech von dem Gelde bezahlt, das von der Gesell- schaft vereinnahmt war. So floss das Leben der Meistersinger dahin; starb einer, so geleiteten ihn alle zu Grabe und war es ein Merker gewesen, so sang ihm die ganze Gesellschaft, ehe der Sarg versenkt wurde, ein letztes Lied.

Wert und Nutzen des Meistergesanges.

Wir sind am Ende unserer Wanderung durch das weite Gebiet des deutschen Meister- gesanges; freilich haben wir uns nirgends längere Rast gegöunt, wir haben die Kapitel in ihren Umrissen nur zeichnen können. Auf Grund der Kenntnisnahme reichen Quellenmaterials müssen wir gestehen, daſs der poetische Wert des deutschen Meistergesanges hinter seinem sittlichen Werte und Verdienste zurücksteht, wenn wir auch echte und wahre Gefühlstöne, wie sie nur eine Lyrik, die aus dem Herzen quillt, keineswegs durchgehends vermissen. Der Meistergesang in seiner ersten Zeit hat Schöpfungen aufzuweisen, die sich, wenn auch nicht an Innigkeit mit dem Volksliede, so doch sicher mit dem innerlich oft unwahren Minnegesang messen können. Ehrlich, wie der schlichte Sinn der wackeren Meister, war ihr Lied und, von der Form abgesehen, weniger an das häufig Conventionelle des Minnegesanges streifend.

Der Meistersang zeigt in seinem Ubergange aus den Händen der Ritter in die des Bürgers und Handwerkers eine naturgemäſse Fortentwickelung unserer deutschen Dichtung und hat das Interesse an der göttlichen Kunst und an den Idealen in einer Zeit hoch gehalten, wo in Deutsch- land nach dem ÜUntergange des Rittertums die rohe Gewalt zu herrschen begann. Der Meister- gesang war aber ganz besonders von heilsamem Einfluls auf die Bildung seiner Anhänger. Dies bezeugen u. a. die Worte Georg Hagers:Ich Bitt auch den Guttherzigen leser oder wem dis Buch nach meinem Todt in die hendt kumen wirt, er wel es lieb haben und wel mit meiner einfeltigen schrift für Gut nemen. Dann ich mein Sschreiben in keiner Schul gelernet hab Sunder durch die genad Gottes von mir selbst allein durch übung und lust des meistergesanges. Nicht minder war er von nachhaltiger Einwirkung auf die Bildung des ganzen Volkes. Die deutsche Sprache und Litteratur ward durch eifriges Lesen und Schreiben gefördert. Durch den Meistergesang wurde in der Stadt und in der Gemeinde die Ehre Gottes und der Fleiſs, die heilige Schrift zu studieren, vermehrt. Durch das Sinnen und Denken über die Bibel aber empfing der freie reformatorische Geist Förderung und Nahrung. Der Meistergesang vereinigte ferner

1) Eine Folge der Bekränzung der Meistersinger waren die gekrönten Dichter der späteren Zeit bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts.