16 in der Katharinenkirche¹) zu geschehen pflegte— lassen etliche Tage vorher Merker oder Vor- steher der Meistersingergenossenschaft dieses ansagen und zwar durch den jüngsten Meister. Jeder Gesellschafter ist verpflichtet zu erscheinen; ist er verhindert, mufs er sich durch den „Umsager“ entschuldigen lassen. In der Kirche wird in der Nähe des Chors ein niedriges Gerüst aufgeschlagen und darauf ein Tisch mit einem groſsen schwarzen Pult gesetzt. Um den Tisch befinden sich Bänke. Das„Gemerke“ ²) wird mit Vorhängen umzogen, damit niemand sieht, was dahinter vorgeht.
Ein kleines Pault befindet sich stets hinter der groſsen Kanzel, wo gepredigt wird. Es ist der Singstuhl, den die Meister auf ihre Kosten haben erbauen lassen. Ist der Tag der Singschule gekommen. so bringen 4 oder 5 Tafeln dies dem Volke zur Kenntnis. Drei von den Tafeln³) sind auf dem Markte aufgestellt, die vierte hängt an dem äufseren Thor der Kirche.
Die Versammlung geschieht nach dem mittäglichen Gottesdienst. Die Meistersinger waren meist in schwarzem Gewande gekleidet mit dem Barett auf dem Kopfe. Die Xrmel der seidenen Jacke waren oft mit Fischbein gesteift und in den Schlitzen mit bunter Seide geschmückt. In der Jacke befanden sich ebenfalls mehrere Schlitzen auf der Brust, durch die das Hemd schimmerte, dessen faltiger Kragen den Hals scheibenförmig umschlols.— Vor der offenen Thür der Kirche stand ein Meistersinger mit einer Büchse, in die jeder nach Belieben that, wovon die Kosten gedeckt wurden. Hat sich die Kirche gefüllt, geht das„Freisingen“ an. Jeder, auch der Fremde, darf sich hier hören lassen, ohne indes den Preis erringen zu können. Wer singen will, petritt züchtig den Singstuhl und zieht seinen Hut oder sein Barett ab. Darauf singen die Meister ein Lied, doch so, dals einer vorsingt, und alle dann mit einstimmen. Endlich beginnt das Hauptsingen. Hierbei wird nur die heilige Schrift zu Grunde gelegt und muls der Singer vorher das Kapitel namhaft machen. Jeder muſst sich befleiſsigen in gutem Deutsch. deutlich, langsam und bescheiden zu singen. Hat der Singer den Singstuhl bestiegen, so ruft nach einer Weile der erste Merker:„Fanget an!“ ISt ein Gesätz beendet, hält er ein, und der Merker ruft wieder:„Fahret fort.- Nach beendetem Gesang verläfst der Singer den Singstuhl und macht einem andern Platz. Die Merker haben mittlerweile genau in der Bibel nachgelesen und die Silben an den Fingern abgezählt.„Glatt“ ward gesungen, wenn im Singen nichts zu tadeln war. Wer einen Ton erfand, mulste ihn dreimal vorsingen. War er gut, so wurde er in das verordnete Meister-Singer-Buch eingeschrieben, mit Jahr, Monatstag und Namen des Dichters.
Während des Singens in der Kirche lauscht alles andächtig. Nach dem Singen treten die Merker zur Beratung zusammen. Haben zwei Singer gleich gut und keiner mehr Silben als der andere„versungen“, so müssen beide um den Preis„gleichen“. Der, welcher am besten gesungen hat, der„Ubersinger“, erhält die Kette. Dieselbe war in Nürnberg aus Silber gearbeitet und enthielt die Namen derer, welche sie hatten anfertigen lassen. Da die Kette schwer war. verlieh man auch eine seidene Schnur, an der drei groſse und vergoldete
¹) Ein Aktenstück aus dem Jahre 1576 sagt:„uns ist vergunt wurden, dals wir Monatlich nach gehaltener Mittagspredigt in St. Catharinen: und die hohen Festtag in der Prediger Kirchen, zur Exercirung und Vort- pflanzung unserer Kunst uben und singen sollten.“(Ahgedr. Zeitschr. f. d. Kulturgesch. 1859, 4. Jahrg. S. 377.)
2²) Gemerke und Merker sind abgeleitet vom„merken“. Dieses Wort bedeutet„in Acht behalten“; die Merker merken die Fehler im Gesang auf.
3) Näheres darüber siehe Wagenseil, S. 542— 43.


