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die Bürger in Frieden und Ruhe. Ohne Neid, nur durch Bande der Freundschaft, wurden die Meistersinger und ihre Zünfte zusammengehalten. Müſsiggang kam. wo der Meistergesang plühte, nicht auf, und damit auch kein Laster. Hatte der Meister tagsüber für den Unterhalt der Seinen gearbeitet, so ging er abends nicht in die Schenke, sondern dichtete neue Lieder. schrieb groſse Bücher, welche die Meistergesänge enthielten und welche zahlreich auf uns ge- kommen sind, oder er unterrichtete seine Lehrlinge,„dals die Kunst nicht untergeht“, ohne Lohn, nur aus Liebe zum deutschen Vaterlande. Fern von aller Anmaſsung. nur in edler Ver- ehrung ihrer Lehrer. trieben die Meistersinger ihre Kunst.„Wenige Dichter“, sagt Jakob Grimm,„haben die Verehrung so herzlich dargegeben, als Adam Puschmann, wenn er den Meister im Traum erblickt in einem wundersamen Gartenhäuslein sitzen, weils von Alter wie eine Taube, er neigt sich blofs, er hört nicht und antwortet auf keine Frage mehr. nur der Sinn des Gesichts ist ihm unvergangen. das braucht er, in dem goldbeschlagenen heiligen Werk bis an sein seliges Ende zu lesen. Dies ist zugleich die reinste Poesie!— Man ist leicht damit fertig gewesen, die Geschmacklosigkeit und Trockenheit zu tadeln. hat aber dabei die Ehrbarkeit und Selbstverleugnung ganz übersehen, womit die Meistersinger ihre fromme Kunst übten.“— Und Ludwig Uhland sagt:„Während an den Fürstenhöfen und auf den Ritterburgen die Poesie vor der zunehmenden Rohheit floh, erhielten die Handwerker die Liebe zu ihr und hielten den Sinn für sie wach... Eine groſse Anzahl von Meistersingern strebten darüber hinaus, versuchten sich in verschiedenen, von der Tabulatur unabhängigen Formen der Poesie und brachten eben darin ihr Bestes zu stande. Endlich ist auch noch eine nationale und kirchliche Bedeutsam- keit dem Streben und Wirken der Meistersinger zuzuerkennen.“
Hoch zu preisen ist der Meistersinger ernster, religiöser, ehrenfester und sittlich tüchtiger Sinn. Heilig waren ihnen die Bande der Ehe; Sparsamkeit und Genügsamkeit kennzeichneten ihr Leben. Treu hielten sie zu Kaiser und Reich, zur Bibel und zur deutschen Sprache. Es lag etwas Ideales über ihrem Thun und Treiben. Damals kannte der schlichte Handwerker keine materialistischen und sozialistischen Gedauken— die holde Muse der Dichtkunst erhöhte und läuterte sein Sinnen und Trachten. Haben jemals die Worte von„der guten alten Zeit“ ihre Berechtigung gehabt, so war es in Anwendung auf die Tage des deutschen Meistergesanges.
Als der Meistergesang verfiel, sagt Adam Puschmann. entschwanden dem Bürgerstande die Ideale und die jungen Burschen befleiſsigten sich fortan des Spieles, der Uppigkeit und aller Untugenden. Spaltung, Hader und Zank prachen im Schofse der letzten Meistersinger aus,„weil immer einer mehr wissen will als der andere.“ Die Zeit veränderte sich. Die Dichtung ging aus der Mitte des Volkes über in die engen dumpfen Gelehrtenstuben. Hier war noch weniger Luft und Freiheit für die echte Kunst, wie bei den Gesetzen der Tabulatur. Zwang und Regeln, fein ausgeklügelt und ausgetiftelt. sind aber das Damoklesschwert für jede künstlerische Be- thätigung. Sie vernichten das Individuelle und machen den Menschen zur Schablone.
Der göttliche Genius diesen Gedanken bringt Richard Wagner in seinen„Meistersingern von Nürnberg- zur Erscheinung— lälst sich nicht an überlieferte Regeln und starre Gesetze
fesseln, er schafft frei aus sich selbst heraus und verschmäht die ausgetretenen Geleise.
Die Spuren des deutschen Meistergesanges in seiner Blüte werden nie vergehen; ein Strahl, von ihm ausgehend. führte die Morgenröte unserer klassischen Litteraturperiode mit herauf. und ein Wolfgang Goethe setzte Hans Sachs wie dem Volksliede ein unvergängliches Ehrenmal.


