Aufsatz 
Zur Geschichte des deutschen Meistergesanges / von Otto Weddigen
Entstehung
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Wir haben ferner eine Memminger Tabulatur, gedr. 1660; eine Stralsburger und eine Kolmarer auf 6 Blättern in klein Folio aus dem 16. Jahrh. in der Hof- und Staatsbibliothek zu München. Mit grolsem Geschick compilierte Wagenseil aus einer grölseren Anzahl von Tabulaturen seine 1697 in demBuch von der Meistersinger holdseligen Kunst Anfang, Fort- übung, Nutzbarkeiten und Lehrsätzen.(in dessen De Civitate Noribergensi Commentatio u. s. w. Altdorfi 1697).

Nach den Vorschriften der Tabulatur war derjenige, welcher die Gesetze derselben noch nicht kannte, ein Schüler; kannte er die Tabulatur, so war er ein Schulfreund. Wer 5 bis 6 Töne vorsang, war ein Singer; wer nach anderen Tönen ein Lied macht, ein Dichter; wer einen Ton erfand, ein Meister. Alle in der Gesellschaft eingeschriebenen Glieder nannte man- Gesellschafter.

Jedes Meistersingerlied hielsPar(Bar). Das Gedicht besteht meist aus zwei Stollen, die gleiche Melodie haben. Ein Stoll besteht aus mehreren Versen. Darauf folgt der Abgesang, der auch aus mehreren Versen zusammengesetzt ist, aber eine andere Melodie hat. Bisweilen ist ein vierter Stollen angefügt, welcher die Melodie der beiden ersten hat. Die Meistersinger beobachteten in ihren Liedern allein die Zahl der Silben; ob sie kur, oder lang waren, war ihnen gleich. Sechs bis sieben verschiedene Arten von Reimen gab es: Stumpfe, klingende. klingende Schlagreime, Waisen, Pausen, Körner oder Krönlein und stumpfe Schlag-Reime.

Der Reim durfte 1 12 Silben haben; erst später stieg die Zahl, z. B. bei Hans Schreyer, auf fünfzehn. Fehler in den Reimen nannte manLaster. Man unterschied ein gespalten Laster, eine Differenz. eine gespaltene Differenz, schnurrende Reime, Klebsilben. Milben(Köngin statt Königin) und heimlich Aequivoca(z. B. sagen und zagen.) Jeder Fehler wurde gestraft. worüber 25 Strafartikel und 7 Schärfstrafen vorhanden waren. Die meisten in der Tabulatur gebrauchten Kunstausdrücke sind bisher noch nicht erklärt worden; viele sind vom Bauen her- genommen, wie auch einige Meister sich allegorische Namen beilegten. Statt Par, wie die Kolmarer Liederhandschrift fast durchweg schreibt, findet sich häufigBar geschrieben, nach Grimm aber ist das Wort sächlichen Geschlechts. Wie das Wort Lied, bezeichnete wohl auch Par ursprünglich ein Gesätz und dann die Gesamtheit der Gesätze des Meistergesanges.

Jedes Meistersingerlied hatte seinen Ton. ¹) In der ersten Zeit war es nur gestattet nach den Tönen alter Meister zu singen. Als um die Mitte des 15. Jahrhunderts Nestler von Speier einen eigenen, den unbekannten Ton, unter seinem Namen bekannt machte, erregte er in der Mainzer Singschule grolse Streitigkeiten, was die Veranlassung gab, dals viele Dichter vom Rheine nach Nürnberg zogen und dort neue Töne erfanden und unter ihrem Namen bekannt machten. Es gab viele Töne, oft mit den wunderlichsten Namen. so:die kurtze Tagweils Konrad Nachtigalls,Die Hagenblüth-Weils Heinrich Frauenlobs,Die Feilweiſs Hans Folzens, Der kurtze Ton Nunnenbeckens,Der güldene Ton Barthel Regenbogens,Die Stieglitzweils Adam Puschmaunns,Der goldene Ton Hans Sachsens,Des Orphei sehnliche Klagweiſs Ambr. Metzgers u. S. w.

Im Jahre 1587 stellte Puschmann mit Hülfe eines Breslauer Kantors sein noch in Breslau erhaltenesgenotieret Buch zusammen, darin über 300 alte und neue Meistertöne oder Melodieen verzeichnet sind und worunter Puschmann selbst mit 33 Tönen vertreten ist. Hans Sachs hat

1) Vergl.:Über die musikalische Bildung der Meistersinger. Von G. Jacobsthal.(Zeitschr. für deutsche Altertumskunde 20, 6991).