Aufsatz 
Zur Geschichte des deutschen Meistergesanges / von Otto Weddigen
Entstehung
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schrieben worden. Den grölsten Teil der Kolmarer Liederhandschrift hat Nestler von Speier besorgt. Andere Handschr. befinden sich in Dresden, Heidelberg, Weimar, Jena u. s. w.; sie alle durchzuarbeiten und gebührend zu perücksichtigen dazu gehört eine lange Frist.

Form und Inhalt der Meistergesänge.

Wie bereits gesagt, wandten sich die Meistersinger wesentlich der Form zu. Das Geset- der Dreiteiligkeit, welche in den meisten Liedern der mitteldeutschen Zeit herrscht, ist im Meistergesang aufgegangen und wurde immer künstlicher ausgebildet; ja, nirgends erkennt man das trilogische Princip besser als im deutschen Meistergesange. Nichtsdestoweniger ist, wie schon das WortMeistergesang sagt, derselbe lediglich zum Singen bestimmt gewesen. Der dichterische Wert der Meistergesänge ist von Ausnahmen abgesehen im grolsen und ganzen ein geringer, sein hoher Wert liegt, wie wir sehen werden, auf einem anderen Gebiete. Es ist richtig, dals der Inhalt der Meisterlieder vorzugsweise ein geistlicher war, aber daneben sind eine grolse Anzahl aus der Zeit vor der Reformation vorhanden, welche weltliche oder geistliche Stoffe behandeln und sich durch schlichte Empfindung und Innigkeit des Gefühls wahrhaft auszeichnen. Die Kolmarer Liederhandschrift u. a enthält Meistergesänge, welche die Minne und die Frauen in warmen Tönen preisen, nicht minder die Wahrheitsliebe, sittliche Tüchtigkeit und bürgerliche Ehrenhaftigkeit. Daneben gab es Stoffe, welche originell und launig waren, z. B. dichtete Hans Sachs Lieder, die zur Litteratur der Schwabenstreiche zu rechnen sind. Andere Dichter behandelten geschichtliche Gegenstände, insbesondere auch die Zeit- geschichte. Wilhelm Weber giebt den Stoff der Meisterlieder seines im Jahre 1549, im Alter von 24 Jahren, vollendeten Meistergesangbuches wie folgt an:viel schöner Geistlicher Bar aus Alten und Neuen Testament, Prophezey, Figur, Psalmen, Evangeli und Epistel mit ihren Aus- legungen, auch viel warhafft und seltzame Histori, aus den Geschicht-Schreibern gezogen, auch viel geblümter Poeterey und Fabel, da auch jeder Bar seinen Autorem zeigt, auch viel gut Schwenck und Symfoney.

Die Stoffe des Meistergesanges erlitten durch die Reformation insofern eine nachteilige Wirkung, als das Lob der Jungfrau Maria, welches der Gefühlslyrik zarte Töne entlockte, fortan nicht mehr gesungen wurde. Die Bibel wurde die einzige Quelle der Anregung; man sang 2z. B. von der Schöpfung der Welt, dem himmlischen Jerusalem u. s. w., allein die Psalmen. boten doch nur Gelegenheit und Motive zu lyrischer Bethätigung. Die versifizierten Um- schreibungen des Textes der Bibel pflegen in den Meistersingerhandschriften des 16. Jahrhunderts einen grolsen Raum einzunehmen. Die Gewohnheit, im genauen Anschluls an einen vorliegenden Text zu dichten, zeigt sich auch bei den nicht geistlichen Meistergesängen. So wurden Plutarch, Livius, Boccaccio u. s. w. dichterisch verarbeitet; diese Lieder bekunden, welche tiefgehende Kenntnis die schlichten Bürger des 16. Jahrhunderts in der alten und neuen Litteratur besalsen.

Die Tabulatur der Meistersinger.

Die Gesetze, nach denen die Meistergesänge zu dichten waren, wurden in derTabulatur niedergelegt. Dieses Wort war schon früher, ehe es in den Meistersingerschulen gebraucht wurde, in der Musik üblich gewesen. Es pedeutet eine Schreibart, durch welche die Harmonie

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