Aufsatz 
Zur Geschichte des deutschen Meistergesanges / von Otto Weddigen
Entstehung
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gab es in Westfalen, ebensowenig in Pommern, Mecklenburg und Niedersachsen; kein Meister- singer dichtete in der niederdeutschen Sprache. UÜber den Zusammenhang der Städte des Südens und Ostens, wo der Meistergesang bplühte, fehlt uns leider ein genügender Anhalt.

Der Meistersinger hohe Schule ist Mainz; hier war die erste und Hauptschule des deutschen Meistergesanges, von hier verbreitete er sich immer weiter. Hier werden noch die alten Minne- sänger als Stifter genannt. Von der Mainzer Schule mufs daher die Erkenntnis des Meister- gesanges ausgehen. Aber leider ist das uns erhaltene urkundliche Material dort nur ein ver- schwindend geringes mit dem Brande des Domes und der Liebfrauenkirche im Jahre 1793 sind die unschätzbaren Handschriften zu Grunde gegangen.

Die Überlieferung lälst Frauenlob in Mainz im Jahre 1260 die erste Meistersingerschule stiften.

Er hielt es für zweckmälsig im Interesse wahrer Volksveredelung, ein durch Innungsgesetze streng zusammengehaltenes Zunftwesen zu stärken, nachdem Walpodens rheinischer Städtebund die Macht des Raubrittertums gebrochen hatte. Insbesondere wollte er durch den ins Leben gerufenen Sängerbund das Bewulstsein der Gleichstellung mit den Minnesängern erwecken. Der mächtige Kurfürst Georg II. unterstützte ihn; bald waren der Probst, Cholaster und Kantor vom Domkapitel gewonnen, und alle Stiftsherren der Liebfrauenkirche, sowie Bürgermeister, Gewalt- boten und Vögte der Stadt traten freudig bei. So entstand im Jahre 1260 die erste Meister- singerschule in Mainz. ¹)

Nach Mainz besonders begaben sich in der Folge diejenigen, welche die Kunst zu erlernen sich bestrebten. Hier wurden die Privilegien und Begnadungen, die die Genossenschaft von den Kaisern erhalten, namentlich die goldene Krone und der Wappenbrief der Meistersinger, aufbewahrt.

Neben Mainz waren Nürnberg und Strafsburg die wichtigsten Städte, wo der deutsche Meistergesang blühte. Die Seele der Meistersingerschule zu Nürnberg war Hans Sachs, sein Lehrer war der Leinenweber Leonhard Nunnenbeck. Das germanische Museum in Nürnberg verwahrt eine Anzahl Schätze, die für die Geschichte des Meistergesanges in Nürnberg von gröfstem Werte sind. Die Meistersingerschule in Stralsburg zeigt den regen Anteil an deutschem Geistesleben und den echten deutschen Charakter der nun wiedergewonnenen Reichslande. ²) Straſsburg zur Seite stand Kolmar; wir wissen aus der Kolmarer Liederhandschrift, dals die Meistersingerschule hier durch Georg Wickram gegründet wurde.

Stand und Namen der deutschen Meistersinger.

Die ritterlichen Minnesänger erhielten in den Handschriften den TitelHerr; die bürger- lichen werdenMeister genannt. Doch werden auch Minnesänger von ihren Zeitgenossen schon Meister und Meistersinger genannt; freilich nicht in der charakteristischen Bedeutung. so Walther von der Vogelweide; doch hatte er daneben auch den TitelHerr.

Selbst die besten, öffentlich erwählten Meistersinger nannten sich aber selbst nach altem Brauch niemalsMeister, auch unterschrieben sie sich nicht als solche in Schriften und Büchern. Sie nannten sich bescheiden nurLiebhabere des Teutschen Meister-Gesanges.

¹) Vergl. Alfr. Borckel, Frauenlob. sein Leben und Dichten. 2. Aufl. Mainz 1881. Dr. Borckel ver- sichert, jetzt nicht mehr vorhandenes urkundliches Material eingesehen zu haben.

2) E. Martin, Die Meistersinger von Stralsburg. Vortrag Strafsburg 1882. E. Martin, Urkundliches über die Meistersinger von Stralsburg.(Strafsburger Studien. 1882, 1. 7698.) Straſsburger Meistersinger- ordnung. 1549. Alsatia 1875, Bd. 10.