Aufsatz 
Johann Friedrich Seidenbender's Vorschläge für die Wiederaufrichtung der Stadt Worms nach der Zerstörung derselben durch die Franzosen im Jahre 1689 / von August Weckerling
Entstehung
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VI

Nach dieſen Mitteilungen über Seidenbender's und ſeiner Familie Schickſale kehren wir nun zu der unten mitgeteilten Denkſchrift wieder zurück. Seidenbender verfaßte dieſelbe in Frankfurt(ſ. S. 5. u. S. 32) in der letzten Zeit ſeines dortigen Aufenthaltes, als der Friede endlich in naher Ausſicht ſtand; er erwähnt in derſelben Vorkommniſſe aus dem Jahre 1696(S. 69) und 1697(S. 64), beidemal allerdings in auf dem Rande ſtehenden Anmerkungen, der eigentliche erſte Entwurf wird wohl ſchon etwas früher geſchrieben ſein(vergl. S. 2 u. S. 32).

Die Schrift iſt ein intereſſantes und ſehr charakteriſtiſches Zeugnis nicht nur für die ſtrenge, ernſte Geſinnung des Verfaſſers, ſondern auch für die gleiche Geſinnung der übrigen Väter der Stadt und der Bürgerſchaft, die der Führung Seidenbenders folgten. Das ſchreckliche Unglück, das 1689 über die Stadt hereingebrochen war und ſo lange Zeit, 8 volle Jahre, angedauert hatte, hatte die Herzen des Volkes gewaltig erſchüttert und wieder zu Gott hingewendet. In den ver⸗ ſchiedenen Schilderungen der Zerſtörung, die uns erhalten ſind, tritt uns gleichmäßig die Auffaſſung entgegen, daß das Unglück eine Strafe ſei für den leichten Sinn der vorhergegangenen Zeit, daß es deshalb vor allem nötig ſei, Buße zu thun und eifrigſt Gott zu verehren, damit er der Stadt wieder gewogen werde und ſie vor weiterem Unglück in Gnaden bewahre. Wie ſehr Seidenbender mit dieſer Auffaſſung über⸗ einſtimmte, ſpricht er gleich am Anfang und an vielen anderen Stellen ſeiner Schrift aus. Er kann ſich gar nicht genug thun in der For⸗ derung der verſchiedenſten Buß⸗ und Bettage(S. 10 u. ff.) und der ſtrengſten Sonntagsheiligung(S. 5 u. ff.) Die Art, wie heute von ſo vielen der Sonntag gefeiert wird mit Ausflügen, Wirtshausbeſuch und anderen Beluſtigungen, würde ihm als ein ganz unverantwortlicher Frevel gegen Gottes Gebot erſcheinen. Er möchte diejenigen, die ohne zwingenden Grund den Gottesdienſt verſäumen, am liebſten durch empfindliche Strafe in die Kirche nötigen(S. 10.) Ohne echte religiöſe Grundlage dünkt ihm eben ein dauerhafter Neubau des Gemeinweſens unmöglich. Sorgfältige und richtige Geſtaltung des Gottesdienſtes und die richtige Erziehung der Jugend erſcheint ihm daher als das Allerwichtigſte, vor dem alle anderen Rückſichten zurücktreten müßten. Sich mit den Lehren der Religion vertraut zu machen, ſei die erſte und vornehmſte Pflicht eines jeden. Jeder rechtſchaffene Chriſt, fordert er deshalb S. 14, ſolle alle Tage in der rechten Reichsmatrikel, der Bibel, ſtudieren, die er ſeit 1669 alle Jahre einmal vollkommen durchleſe,