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in all ſeinem Urteilen und Empfinden. Es war ein wahrer Gottes⸗ friede in ihm!“
Und dann trat noch einmal vorübergehende Beſſerung ein. Der Kranke konnte mit ſeinen Kindern ſpielen, durfte eine Spazierfahrt unternehmen durch die freie Natur, die er ſtets ſo geliebt hatte, und dem nahenden Frühling mit neu erwachter Hoffnung entgegen⸗ ſehen. Aber mit ſcharfer Wendung, vielleicht infolge eines ver⸗ frühten Theaterbeſuchs, kam das Ende, mitten im jungen Lenzes⸗ grün und Lenzesglück. Heftiges Fieber überfiel ihn und wich nicht mehr. Dabei trat eine Teilnahmloſigkeit an ihm hervor, die allein ſchon den Seinigen ſagen mußte, was ihnen bevorſtand. Trotzdem gab er noch am Abend des 8. Mai auf die Frage, wie es ihm gehe, zur Antwort:„Immer beſſer, immer heiterer!“ Und zugleich verlangte er, daß der Fenſtervorhang hinweggezogen werde, und ſchaute dann lange der ſinkenden Sonne nach. Erſt am 9. Mai trat Bewußtloſigkeit ein; in der ſechſten Abendſtunde, während die Gattin neben ihm kniete und ſeinen letzten Händedruck empfing, ſtockte der Herzſchlag. Die noch erhaltene Totenmaske zeigt ein Antlitz voll wunderbaren Friedens. Nur in den zuſammengezogenen Brauen ſcheint die Spur erlittener Schmerzen erhalten, aber ein deutliches Lächeln ſpielt um den edlen Mund.
Wahrlich, angeſichts eines ſolchen Leidensganges und ſolcher Seelenhoheit möchten wir mit Hebbel ausrufen:„Der heilige Mann!“ Und wenn wir von neuem ſein Wort auf uns wirken laſſen, wenn er nach dem tiefſinnigen Lob, das er ſelbſt dem Dichter zuerkennt, unſre Herzen bewegt, wie mit dem Stabe des Götter⸗ boten; wenn wir fühlen, wie er alles, was Gutes in uns ſein mag, zu kräftigerem Leben erhöht und über den trüben Sturm des Erdenjammers emporhebt in die ſonnenhellen Gefilde des Ideals, dann müſſen wir lauter bekennen: Der große, der herrliche Mann!
Und dieſen Mann will man uns nehmen? Wer ſind ſie denn, die ſeit einem Vierteljahrhundert an ſeinem Kranze zerren und was haben ſie uns zu bieten, auch nur auf dem Felde der Kunſt? Daß die Kritiker vorangehen würden, deren Witz auf ewig mit dem Schönen im Kriege liegt, hat er ſelbſt ja voraus⸗ geſehen. Und Ausländer führen ſie uns herbei— Franzoſen natürlich, neuerdings auch Engländer, Norweger, Belgier, Italiener, denen eine Stufe tiefer die deutſchen Nachtreter folgen. Und wenn nun ein ſolcher Dichter von ihren Gnaden einen Krankheitsprozeß am Körper der Geſellſchaft oder auch an der Seele eines Individuums in allen ſeinen Vorgängen der Wirklichkeit gemäß geſchildert hat, dann hat er nach ihrer Meinung unſern größten Dramatiker über⸗ boten. Als ob nicht auch Schiller auf die Darſtellung ſolcher Prozeſſe ſich verſtanden hätte! Nur, daß er neben die Krankheit


