Aufsatz 
An Schillers 100. Todestage (9. Mai 1905). Gedächtnisrede
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ſtets die Geſundheit ſtellt und das Sittliche triumphieren läßt, ſei es auch erſt mit dem leiblichen Untergang ſeines Helden.

Oder iſt vielleicht nichts Geſundes mehr an uns ſelbſt, daß wir ſolche Eindrücke ſuchen und die echte Dichtung verſchmähen? Gilt keine Reinheit der Geſinnung mehr, kein adliges Gefühl in der Menſchenbruſt; geht alles Streben auf in dem elenden Jagen nach Gewinn und Genuß? Möge ein jeder hier mit ſich ſelbſt ins Gericht gehen, auch im Angeſicht des großen Toten, den wir heute feiern! Aber noch iſt Deutſchland nicht arm an Beiſpielen edler Tugend, an Zeugniſſen ſelbſtloſer Hingabe an ewige Gedanken. Noch betätigt ſich die Liebe, wenn nicht in den prunkhaften Ver⸗ anſtaltungen der Eitelkeit, um ſo mehr in der Hand, die im Ver⸗ borgenen gibt, in dem Herzen, das ſich mit den Fröhlichen freut und trauert mit den Weinenden. Noch hat das Schöne ſeine ſtille Gemeinde, die wie auch der heutige Tag der Welt beweiſen mag um ſo zahlreicher iſt, als ſie nicht vor die Offentlichkeit ſich drängt und nicht die Schauſpielhäuſer füllt, in denen der große Dichter doch nur anſtandshalber, als geduldeter Gaſt, erſcheinen darf. Zu ihr redet Schiller im häuslichen Kreiſe oder auch im ſtillen Kämmerlein, und was er an ihr und durch ſie ſchafft, das bricht hervor als die ſiegreiche Macht der Allgemeinheit, wenn die Stunde gekommen iſt. Oder ſind die Männer, die Deutſchlands Schlachten geſchlagen haben von 1813 bis 1871, ausgezogen zur Befriedigung ihrer böſen Begierden, um zu morden, zu plündern, Witwen und Waiſen zu machen? Haben ſie nicht vielmehr das eigene Blut vergoſſen in der Gewißheit, daß, wenn etwas unſchuldig iſt, heilig und menſchlich gut, es der Kampf iſt ums Vaterland?

Und du vor allen, geliebte Jugend, zu der wir täglich reden dürfen von den höchſten Gütern unſres Volkes, von großen Männern und ihren Taten! Deine lebendige Anteilnahme, deine geſpannten Blicke beweiſen uns, daß du noch reiner Begeiſterung fähig biſt, daß du zu denen dich geſellen möchteſt, die Edles und Treffliches gewirkt haben. Und ſo ſage ich dir heute: Laß dir deinen Schiller nicht rauben! Halte feſt an ſeinem ſittlichen Vorbild, nähre dich von der reinen Lebensflamme, die aus allen ſeinen Werken dir entgegenſchlägt! Dann wirſt du auch an deinem Teil dazu beitragen, daß zur Wahrheit werde, was er ſelbſt als die Zukunft ſeines Volkes und Vaterlandes hingeſtellt hat.Dem Deutſchen, ſo ſagt er iſt das Höchſte beſtimmt: die Menſchheit, die allgemeine, in ſich zu vollenden und das Schönſte, was bei allen Völkern blüht, in einem Kranze zu vereinen. Und ſo wie er in der Mitte von Europas Völkern ſich befindet, ſo iſt er der Kern der Menſchheit; jene ſind die Blüte und das Blatt. Jedes Volk hat ſeinen Tag in der Geſchichte, doch der Tag des Deutſchen iſt die Ernte der ganzen Zeit!