Aufsatz 
An Schillers 100. Todestage (9. Mai 1905). Gedächtnisrede
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12 er da; ſein Herz umfing die Welt, aber die Welt kam ſeinem Geiſte nicht nahe.

Seinem heiligen Ernſt aber glich auch ſeine Liebe. Gehörte ſein Herz, wie das ſeines Marquis Poſa, der ganzen Menſchheit, ſo war es doch viel zu reich, als daß es den ihm am nächſten Stehenden darum das Geringſte entzogen hätte. Die Freunde ſeiner Jugend, Vater, Mutter und Schweſtern, zuletzt Gattin und Kinder ſind die Gegenſtände ſeiner nie ſich verleugnenden Zuneigung. Und hat er anderſeits viel Bittres hienieden erfahren, ſo doch nicht das Eine: ſich von den Geliebten verkannt zu ſehen. Der Zauber ſeiner Perſönlichkeit, ſeine ſtets klare und geduldige Freundlichkeit, die heitre Liebenswürdigkeit ſeiner Natur übten eben eine unwider⸗ ſtehliche Macht. Nach vielen Jahren bezeugt Andreas Streicher, ſein Helfer und Begleiter auf der Flucht von Stuttgart,wie es ihn heute noch mit Trauer erfülle, daß er ein wahrhaft königliches Herz, Deutſchlands edelſten Dichter, allein und im Unglück habe verlaſſen müſſen. Seinen Eltern Schmerz zu bereiten, war ſchon für den Jüngling die bitterſte Empfindung, aber weil er ihn nach ſeiner heiligen Überzeugung dem Vater nicht erſparen kann, will er dieſen wenigſtens ſichern gegen den Zorn ſeines Kriegsherrn und Herzogs. Und ſo verſagt er ſich den Abſchied von ihm und berät nur mit der Mutter und der treuen Schweſter Chriſtophine den entſcheidenden Schritt. Elf Jahre vergehen, bevor er die württem⸗ bergiſche Heimat und die Seinigen wiederſehen darf, dann duldet der alte Herzog ſchweigend die Anweſenheit des Dichters in ſeinen Landen. Um ſo glücklicher iſt dieſer. Und jetzt, wo, dank ſeinem Talent und ſeinem raſtloſen Fleiß, auch ſeine äußere Lage ſich zu beſſern begonnen hatte, macht er ſich's zur Pflicht, die Schuld gegen ſeine älteſten Wohltäter nach Kräften abzutragen. Sein Vater ſtarb ſchon im Jahre 1796, nachdem der Sohn alles auf⸗ geboten hatte, um dem Kranken Hilfe und Behagen zu ſchaffen; dann ſchreibt Friedrich an die Witwe:Was Sie zu einem ge⸗ mächlichen Leben brauchen, muß Ihnen werden, beſte Mutter. Es iſt meine Sache, daß keine Sorge Sie mehr drückt. Und als auch ihr Ende herannaht, bringt er jedes Opfer, um ſie durch die Kunſt der AÄrzte und die ſorgſamſte Pflege zu retten. Daß aber die innigſte und zärtlichſte Liebe des großen Mannes der Gattin und den Kindern gehörte, war ſelbſtverſtändlich. In ihnen ſuchte und fand er ſein ganzes Glück; für ſie arbeitete er in be⸗ ſtimmter Vorausſicht eines früh bevorſtehenden Scheidens wohl auch über ſeine Kraft. Ja, er tat noch mehr für ſie. Um ihren Frieden, ihre fröhliche Gemeinſchaft nicht zu trüben, überwand er den eigenen Kummer, den er in ſolchem Vorgefühl beim Anblick ſeiner Kleinen und ihrer edlen Mutter empfinden mußte. Sie ſelbſt, Schillers Lotte, der Deutſchland nicht dankbar genug ſein kann für