Aufsatz 
An Schillers 100. Todestage (9. Mai 1905). Gedächtnisrede
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bitterer Erfahrungen und Leiden. Im Dezember 1782 durch⸗ wandert er frierend, in dürftiger Kleidung, den Schnee des Thü⸗ ringer Waldes, um in Bauerbach, bei der Mutter ſeines Freundes von Wolzogen, ein zeitweiliges Obdach zu finden. Dann weilt er in Mannheim, wo der Leiter des Theaters, Freiherr von Dalberg, ihm keine ſeiner Verſprechungen hält; dann, durch Körners treue Freundſchaft nur äußerlich geborgen, in Leipzig und Dresden, bis endlich die Berufung nach Jena ſeiner Heimat⸗ und Friedeloſigkeit ein Ende macht. Was hätte unter dem Druck ſolcher Verhältniſſe aus einem minder groß angelegten Charakter werden müſſen! Ein feiler Liebediener und Schmeichler, ſei es der Fürſten oder der Menge, deſſen äußeres Fortkommen freilich bei ſeinem bereits an⸗ erkannten Talent in dem einen wie im andern Falle geſichert war. Oder ein Menſch, der mit ſich ſelbſt und mit der Welt zerfiel und ſo auf andere Weiſe zu Grunde ging. Anſtatt deſſen hielt er in allen Bedrängniſſen unerſchütterlich feſt an der angeborenen Beſtimmung. Und nicht geringer war der Ernſt, den er ſeiner wiſſenſchaftlichen Fortbildung wie der Ausführung ſeiner dichteriſchen Pläne widmete. Selbſt in der Zeit der äußerſten Unraſt, wo ihm nicht nur alles Behagen, ſondern oft die Notdurft des Lebens fehlte, gab er ſich unabläſſiger Tätigkeit hin. Während ſeiner Jenenſer Profeſſur arbeitete er bis zu 14 Stunden täglich. Und er möchte nun 10 Jahre nichts als Geſchichte ſtudieren, um ſo erſt den rechten Grund für ſeine eigentliche Aufgabe zu legen. Seinen Tell, der ungekürzt 3300 Verſe zählt, begann er am 25. Auguſt 1803 und vollendete ihn am 18. Februar 1804. Anderſeits iſt Kant ihm mit ſeinem unbedingtenDu mußt der ſittliche Leitſtern für den Lebenspfad geworden. Weil aber dieſer Pfad ununterbrochen durch den reinen AÄther des Gedankens führte, kann es nicht wunder nehmen, daß über Schillers ganzes Weſen ſich in immer zunehmen⸗ dem Maße jene geiſtige Hoheit verbreitete, die ſchon ſeinen Jugend⸗ freunden aufgefallen war. Mit Ehrerbietung hatten dieſe wahr⸗ genommen, wie er auch die größten Widerwärtigkeiten mit Faſſung ertrug. Als ihn Dalbergs Verhalten in die ſchlimmſte Bedrängnis verſetzte, ließ er ſo erzählt der eine von ihnen nicht die ge⸗ ringſte Klage hören; kein hartes oder heftiges Wort kam über ſeine Lippen, ja nicht einmal eines Tadels würdigte er das erhaltene Schreiben. Und noch in anderer Weiſe offenbarte ſich dieſe Hoheit des Geiſtes: wie in der Dichtung, ſo ſtieß ihn im Leben alles Unedle und Niedrige ab. So konnte auch Goethe von ihm ſagen: Schiller erſchien immer im unbeſchränkten Beſitz ſeiner erhabenen Natur; nichts zog den großen Flug ſeiner Gedanken herab. Das war ein rechter Menſch und ſo ſollte man auch ſein. Und noch ergreifender ſpricht ſeine Gattin Charlotte Gleiches in den Worten aus:Groß und ſchön wie ein höheres Weſen ſtand