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Überall verkünden ſie Gottes Heiligkeit und Gerechtigkeit, beide als beſtimmendes Element, nach Schillers eigenem wundervollen Ausdruck,„eingeflochten in die ordentliche Kette der Begebenheiten“, ſo daß nicht, wie bei den Alten, zuletzt immer eine bange, das Gemüt entſetzende Frage übrig bleibt, ſondern alle Disharmonie ſich auflöſt im Einklang einer ewigen, allweiſen und allgütigen Ordnung. Ja, gerade dort, wo der Dichter ganz die angeſtammte Art zu verleugnen ſcheint, wo er im antiken Gewande des Verſes, der Gedanken und der Sprache einherſchreitet, gerade dort gibt er ſeiner Dichtung oft ein überraſchend chriſtliches Gepräge. Oder mahnt es uns nicht an die gewaltige Predigt des Paulus, wenn er in ſeinem „Glück“ darauf hinweiſt, daß alles Höchſte, was dem Menſchen zu teil werden kann, jede beſondere Gabe, mag ſie Geiſt, Schönheit, Liebe heißen, freies Geſchenk von oben, Gnade der Himm⸗ liſchen iſt? Und wenn er in„Ideal und Leben“ die erhabene Lehre prägt:„Des Geſetzes ſtrenge Feſſel bindet nur den Sklavenſinn, der es verſchmäht“ und„Nehmt die Gottheit auf in euren Willen und ſie ſteigt von ihrem Weltenthron!“— iſt das etwas anderes, als was wir von Kindheit auf geleſen und gelernt haben: „Werdet vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen iſt, ſterbt eurem eigenen Willen ab und gebt ihn hin für den ſeinen— dann wird ſein Joch euch ſanft und ſeine Laſt euch leicht bedünken, — dann iſt's, um mit einem andern ſchlichteren Dichter zu reden: „am Ende gar nicht ſchwer, ein ſel'ger Menſch zu ſein!“
Soviel von Schillers Weisheit und Schönheit in ſeinen Werken. Aber groß, wie beide erſcheinen, würden ſie doch nicht hin⸗ reichen, um die Macht zu erklären, die er über die Herzen ſeines Volkes gewonnen hat. Es gibt auch andere Dichter, bei uns und in der Fremde, die bei der Geburt von der Muſe mit holdem Lächeln begrüßt worden ſind, deren Schöpfungen wir in gewiſſem Sinne bewundern können und von denen doch jedes fittliche Gefühl zuletzt mit Widerwillen ſich abwendet. Was ihn in Wahrheit groß und verehrungswürdig macht, iſt die Übereinſtimmung ſeiner Perſiſlichte mit ſeiner Dichtung, iſt, daß er gelebt hat, was er ehrte.
Schwer hatte ſeine Jugend auf ihm gelaſtet. Erſt die acht Jahre der„Hohen Karlsſchule“, in die eine rückſichtsloſe, ob auch wohlmeinende Gewalt ihn gebannt hatte, ihn zugleich aus dem ärm⸗ lichen aber vom Geiſte der Liebe beherrſchten Elternhauſe hinweg⸗ reißend, an dem die ganze Seele des zarten Knaben hing. Dann zwei weitere Jahre des Sklaventums als„Regimentsfeldſcher“ in der elendeſten äußeren und noch unerträglicheren ſeeliſchen Lage, da drohend über ihm das bedingungsloſe Verbot ſeines Herzogs hing, poetiſch tätig zu ſein. Dann ſeine Flucht, die er ſo gut wie mittellos unternahm, und die ſich anſchließende lange Irrfahrt voll


