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erſten des Lebens gehörten, mehr als einmal in dem Sinne, daß ſie alle Gemüter mit unbedingter Gewalt beherrſchten, mochten ſie nun gläubigen Sinnes aufgenommen oder mit der Kraft ehrlicher Überzeugung verneint werden. Und ſo wäre es uns ſicher ſchmerz⸗ lich, wenn gerade der Dichter, dem wir die höchſten Wirkungen zuſchreiben, uns auf dieſem wichtigſten Gebiet verlaſſen hätte. Aber das volle Gegenteil iſt der Fall: man darf ſagen, daß alle Schriften Schillers, ſeine größeren Proſawerke wie ſeine Dichtungen, mit religiöſem Geiſte getränkt ſind. Niemals hat er die Geſinnung, die er aus dem frommen Elternhauſe mit hinausnahm, auf ſeiner Lebensfahrt und in ſeinem Schaffen verleugnet, niemals die eigene Jugend, in der er es als ein Glück betrachtete, ſeiner württem⸗ bergiſchen Heimat„als Gottesgelehrter dienen zu dürfen“. Wenn ſein Glaube dabei mehr die Religion des Herzens, des warmen und tiefen Gefühls, als die eines konfeſſionellen Bekenntniſſes war, ſo kann das niemanden befremden, der die damaligen Zuſtände der Kirche, insbeſondere das die evangeliſche beherrſchende theologiſche Gezänk und den ſeichten Rationalismus in betracht zieht, dem ſie bis zu Schleiermachers Zeit verfallen blieb. Und eben damit ſtimmt es über⸗ ein, wenn Schiller in ſeinen Votivtafeln ſagt:„Welche Religion ich bekenne? Keine von allen, die du mir nennſt.— Und warum keine? Aus Religion.“ Freilich hat er auch die„Götter Griechen⸗ lands“ gedichtet und damit einen Fehltritt begangen, der ihm noch heute von Eiferern ſchwer verziehen wird. Aber möchten dieſe doch einmal richtig leſen, was er geſagt und was er wirklich gemeint hat! Die erſte Bearbeitung ſchließt mit der Anbetung des einen Gottes, der die andern überwunden hat, freilich auch mit dem Ausdruck des Schmerzes über ſo viele mit dem alten Götterdienſt entſchwundene irdiſche Schönheit; die zweite feiert nach dem Rechte der dichteriſchen Phantaſie dieſe letztere allein, die der fortſchrei⸗ tenden aber kalten Wiſſenſchaft zum Opfer gefallen iſt. Und der Urheber beider Faſſungen iſt doch derſelbe, der das Chriſtentum mit den Worten geprieſen hat:„Religion des Kreuzes, nur du verknüpfteſt in einem Kranze der Demut und Kraft doppelte Palme zugleich!“— derſelbe, der in den„Worten des Glaubens“ allen Zweiflern das entſchiedene Bekenntnis entgegenhält:„Ein Gott iſt, ein heiliger Wille lebt, wie auch der menſchliche wanke; hoch über der Zeit und dem Raume ſchwebt lebendig der höchſte Ge⸗ danke!“ Noch lauter aber als vereinzelte Ausſprüche redet von ſeiner wahren Überzeugung die Führung ſeiner dramatiſchen Hand⸗ lungen, das tiefinnere Leben ſeiner Geſtalten, ihr Lieben, Hoffen, Kämpfen, Leiden und Ertragen. Gott, Tugend und Unſterblichkeit ſind für ſie keine tönenden Namen, kein leerer Schall, ſondern eine Wahrheit, an die ſie glauben mit oder wider Willen, vor allem die Wahrheit, die unzerſtörbar in der Seele ihres Schöpfers lebt.


