8
Und ſchon durch die Gemüter der Zeitgenoſſen ging ein Ahnen von der Bedeutung, die Schillers Werk dereinſt für das eigene Volk ſeines Schöpfers gewinnen ſollte. Als am 17. September 1801, dem Jahre ihres erſten Erſcheinens, die Aufführung der Jungfrau in Leipzig erfolgte, da war auch der Meiſter aus dem ſtillen Weimar herübergekommen. Schon während des erſten Aktes gab ſich bei den Zuſchauern tiefſte Bewegung kund, die nach dem Fallen des Vorhangs in ſtürmiſchen Beifall, in den donnernden Ruf: „Es lebe Friedrich Schiller!“ ſich verwandelte. Gleiches wiederholte ſich nach jedem Akt, und als am Schluſſe der Vorſtellung die Menge das Haus verlaſſen ſollte, da drängte ſie von allen Seiten her dem Portale zu, um den Gefeierten noch einmal zu begrüßen. Und nun ſtanden ſie: alt und jung, Männer und Frauen, Knaben und Studenten ihm gegenüber und ſtreckten ihm jubelnd die Hände entgegen, während er entblößten Hauptes, nur mit dem ſtrahlenden Auge dankend, zwiſchen ihnen die Stufen hinabſchritt. Ob die heranwachſende Jugend da im voraus empfand, daß die Worte und Gedanken, die der verherrlichte Mann ſoeben in ihre Seelen geprägt hatte, ſie dereinſt in den heiligen Kampf für die Befreiung des Vaterlandes begleiten würden? Noch ſtand Deutſchland mitten im Frieden, aber das blutige Geſtirn des Korſen war ſchon drohend am weſtlichen Himmel emporgeſtiegen; wie Wetterſchwüle lag es über der Welt. Klar aber und deutlich hatte Preußens guter Genius, die edle Königin Luiſe, Schillers patriotiſche Größe erkannt. Sie bot alles auf, um ihn für ihre Hauptſtadt zu gewinnen, und vier Jahre nach ſeinem Tode— kein volles Jahr vor dem ihrigen — ſchrieb ſie aus ihrem Königsberger Exil:„Ach, auch in meinem Schiller habe ich wieder und wieder geleſen! Warum ließ er ſich nicht nach Berlin bewegen? Warum mußte er ſterben? Ob der Dichter des Tell auch verblendet worden, wie der Geſchichtsſchreiber der Eid⸗ genoſſen?*) Nein, nein! Leſen Sie nur die Stelle: Nichtswürdig iſt die Nation, die nicht ihr alles ſetzt an ihre Ehre! Kann dieſes Wort trügen?“ Und dann ſind die Verklärten einander wieder be⸗ gegnet nach den Tagen der Unterdrückung und Knechtſchaft. War der Name der Königin einer geweihten Fahne gleich, die auf dem Schlachtfelde den Kämpfern voranſchwebte, ſo war Schiller der Morgenſtern, der das Nahen der Freiheitsſonne verkündete, an deſſen Strahlen der unbezwingliche Wille ſich entfachte, alles für die Güter einzuſetzen, die der Sänger ſelbſt als die höchſten jedes Volkes geprieſen hatte.
Zuletzt haben wir Deutſchen immer als ein frommes Volk gegolten und ſind es wohl auch geweſen. Jedenfalls ein Volk, dem ſchon ſeit den Zeiten der Väter Fragen der Religion zu den
*) Johannes Müller.


