Aufsatz 
An Schillers 100. Todestage (9. Mai 1905). Gedächtnisrede
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die Vaterlandsliebe für eine heroiſche Schwachheit erklärte, ſo ſteht Schiller ihr ganz anders gegenüber. Selbſt in ſeiner Jugendzeit, in der kosmopolitiſchen Schwärmerei ſeiner Rouſſeauperiode, legt er ſeinen Perſonen manches Wort zu Deutſchlands Ehren in den Mund, und ſchon der Ruf, mit dem Karl Moor bei der verſtohlenen Einkehr im Vaterhauſe den Boden der Heimat küßt:Sei mir gegrüßt, Vaterlandserde! Vaterlandshimmel! Vaterlandeſonne! beweiſt, wie ſein Dichter empfindet. Freilich ein rechtes Deutſch⸗ land gab es noch nicht, erſt der Grund war gelegt worden durch die Taten des großen Friedrich. Trotzdem rühmt ein Diſtichon Schillers von dem Lande, das von altersher dieſen Namen trug, daß es große Monarchen hervorgebracht habe und auch ſelbſt ihrer würdig ſei den Gebietenden mache erſt der Gehorchende groß. Und wenig ſpäter preiſt er in einem der feinſinnigſten ſeiner kürzeren Gedichte diedeutſche Treue, während im Jahre 1799, angeſichts der Jahrhundertwende, ſein Bekenntnis lautet:

Stürzte gleich in Kriegesflammen

Deutſchlands Kaiſerreich zuſammen,

Deutſche Größe bleibt beſtehn!

Aber als wahrhaft patriotiſcher Dichter tritt er uns doch erſt in ſeinen Dramen entgegen, vor allem in ſeinerJungfrau von Orleans. Man hat wohl ſchon früher auf die tragiſche Ironie hingewieſen, die für Frankreich darin liegt, daß ſein vielgeprieſener Voltaire die Heilige ſeines Volkes durch den Staub der Gaſſen ſchleifte, während der fremde Poet, der Sohn ſeinesErbfeindes, die Glorie wob, in der die franzöſiſche Heldin und Märtyrerin ſeitdem der geſamten Welt erſcheint. Aber faſt noch wunderbarer erſcheint es, daß Schiller alles, was er als Sohn ſeines Vater⸗ landes empfand, in den Rahmen eines fremden, ja feindlichen Volkstums fügte, und daß wir nun unſerſeits die mächtigſten An⸗ regungen zu patriotiſcher Hingebung und Opferfreudigkeit gleichſam von derſelben Seite, die dieſe notwendig gemacht hat, empfingen und empfangen. Und wie köſtliche Perlen ſind ſolche Sätze aus⸗ geſtreut durch die ganze unvergleichliche Dichtung.Nichts von Verträgen! nichts von Übergabe! Der Retter kommt, er rüſtet ſich zum Kampf! Wir ſollen keine eigenen Könige mehr haben, keinen eingebornen Herrn?! Denn wenn im Kampf die Mutigſten verzagen, wenn Frankreichs letztes Schickſal nun ſich naht, dann ſollſt du meine Oriflamme tragen und, wie die raſche Schnitterin die Saat, den ſtolzen Überwinder niederſchlagen! Für ſeinen König muß das Volk ſich opfern, das iſt das Schickſal und Geſetz der Welt! Nichtswürdig iſt die Nation, die nicht ihr alles freudig ſetzt an ihre Ehre! Was iſt unſchuldig, heilig, menſchlich gut, wenn es der Kampf nicht iſt um's Vaterland? Das alles hat, vom Tell abgeſehen, ſeines gleichen in keinem Drama der Erde.