Aufsatz 
An Schillers 100. Todestage (9. Mai 1905). Gedächtnisrede
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wandte er ſich für immer ab von dem trügeriſchen Bilde. Hatte die zweite Ausgabe ſeiner Räuber mit dem Emblem des ſtolz auf⸗ gerichteten Löwen und dem MottoIn tyrannos die Schreckens⸗ männer jenſeits des Rheines veranlaßt ihm das franzöſiſche Bürgerrecht anzutragen, ſo antwortete er auf dieſe ihm nun ver⸗ ächtlich dünkende Ehre mit den ergreifenden Bildern ſeiner Glocke, mit den flammenden Worten: daßdie Wohlfahrt nicht gedeihen kann, wo die Völker ſich ſelbſt befreien und daßder Menſch in ſeinem Wahn der ſchrecklichſte der Schrecken iſt. Aber die Freiheit ſelbſt hat er darum nicht aufgegeben. Handelt es ſich um die Rechte des Glaubens und Gewiſſens, ſo tritt er allezeit für ſie mit dem begeiſterten Zeugnis ein, das er ſchon als jugendlicher Dramatiker ſeinem Marquis Poſa in den Mund gelegt hatte. Be⸗ gegnet er auf ſeiner Poetenfahrt einem Bedrückten, mag er unter dem Joch geſellſchaftlicher Verhältniſſe oder der Zwingherrſchaft eines Despoten ſeufzen, ſo heiſcht er für ihn das unveräußerliche Recht der Selbſtbeſtimmung. Dabei wartet er nicht auf den Zu⸗ fall, ſondern ſucht den Leidenden auf bei ſeiner Mühſal, ſeinen Nöten und Kämpfen und bringt ihm ſein ganzes ſchönes Herz ent⸗ gegen. Und wie dem einzelnen, ſo den Nationen. Von der herr⸗ lichen Proſaſchilderung des niederländiſchen Befreiungskrieges an über die Taten eines fremder Eroberungsſucht verfallenen Volkes und Königsgeſchlechtes hinweg bis zuWilhelm Tell zieht ſich die gleiche ſittliche Forderung durch alle ſeine Werke hindurch. Wie ſich aber dem Dichter ſelbſt das Weſen der wahren Freiheit und des Rechtes an ſie immer mehr veredelt und verklärt, das be⸗ zeugen die Strophen, mit denen er die Sendung ihres Hohenliedes eben ſeines Tell an einen Freund begleitete.

Wenn rohe Kräfte feindlich ſich entzweien

Und blinde Wut die Kriegesflamme ſchürt,

Wenn ſich im Kampfe tobender Parteien

Die Stimme der Gerechtigkeit verliert;

Wenn alle Laſter ſchamlos ſich befreien,

Wenn freche Willkür an das Heil'ge rührt,

Den Anker löſt, an dem die Staaten hängen:

Da iſt kein Stoff zu freudigen Geſängen.

Doch wenn ein Volk, das fromm die Herden weidet,

Sich ſelbſt genug, nicht fremden Guts begehrt,

Den Zwang abwirft, den es unwürdig leidet,

Doch ſelbſt im Zorn die Menſchlichkeit noch ehrt,

Im Glücke ſelbſt, im Siege ſich beſcheidet:

Das iſt unſterblich und des Liedes wert!

Mit dem Begriff der Freiheit eng verbunden iſt der des

Vaterlands. Und wenn noch Leſſing, trotzdem er ſelbſt ſo viel. für die Wiedererweckung des deutſchen Nationalgefühls getan hat,