Aufsatz 
An Schillers 100. Todestage (9. Mai 1905). Gedächtnisrede
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Empfindungen, die aber meiſt als Furcht vor der höheren Macht erſcheinen, geben ihre Perſonen nur ſelten der Aufwallung eines natürlichen Gefühles Raum, ſelten kommt aus ihrem Munde ein ſchlechthin rührendes Wort, wie etwa der Abſchiedsgruß des den Tod ſuchenden Aias oder das, freilich eine ganze Kulturepoche vorausnehmende Wort Antigones:

Nicht mitzuhaſſen, mitzulieben bin ich da!

Schiller aber, der faſt mehr noch als Goethe den Spuren der Alten nachging und bei dieſen die für alle K Zeit giltigen Vorbilder zu finden meinte, hat doch im weſentlichen nur Techniſches von ihnen entlehnt und iſt dabei gelegentlich ſogar auf Irrwege geraten. Aber niemals hält er den Ausdruck freier Menſchlichkeit zurück. Immer redet bei ihm das Herz, und das Gefühl, das er ſeinen Perſonen mitgibt, iſt von unerſchöpflichem, oft überwältigendem Reichtum, nur in Schranken gehalten durch das künſtleriſche Maß. Und gerade von der Tragödie, die er ganz nach antikem Muſter zu geſtalten ſuchte, ſeinerBraut von Meſſina gilt das am meiſten. In der Darſtellung der Mutterliebe, des Glückes und des Jammers entfaltet er eine Beredſamkeit, der niemand zu widerſtehen vermag. Oder wer könnte die letzten auch von wunderbarer Sprachgewalt durchſtrahlten Vorgänge des Dramas leſen, ohne daß ihm die heiße Träne ins Auge ſpringt? Wer ſeineJungfrau faſt Seite für Seite, Max Piccolominis Abſchied von dem Führer ſeiner Jugend, den Todesgang der Gräfin Terzky, Melchthals Schmerzens⸗ ausbruch bei der Nachricht von der grauſamen Blendung ſeines Vaters, die Szenen zwiſchen Don Karlos und Poſa, zwiſchen Luiſe und Lady Milford und ſo vieles andere?

Iſt aber der Dichter immer bemüht uns vor Augen zu ſtellen, was groß und edel iſt, wodurch er uns am gewiſſeſten rührt und erſchüttert, ſo kann er am wenigſten die Dreiheit vergeſſen, die nach Überlieferung, Geſchichte und angeborener deutſcher Eigenart für uns die größte Bedeutung hat: Freiheit, Vaterland und Gott. Schiller iſt immer der Sänger der Freiheit geweſen, auch in einer Zeit, in der ſie nach einer langen Periode ſittlichen und politiſchen Verfalls bei uns recht niedrig im Preiſe ſtand. Wenn ſie ihm zuerſt in demokratiſchem Gewande erſchien, wenn er ſeinen Räuber Moor zu den ſtudentiſchen Freunden, ganz ſeinem eigenen Empfinden gemäß, ſagen läßt:Stellt mich vor eine Herde Kerls wie ich, und aus Deutſchland ſoll eine Republik werden, gegen die Rom und Sparta Nonnenklöſter waren, ſo kann das nicht befremden an⸗ geſichts der fürſtlichen Tyrannei, die ihm ſeine Jugend verbitterte. Aber bald lernte er die Freiheit, die das Loſungswort der Ver⸗ nunft iſt, von jener unterſcheiden, nach der die wilde Begierde ruft. Und als die franzöſiſche Revolution, deren Nahen er anfangs hoffnungsvoll begrüßt hatte, zu blutigen Greueln entartete, da