Aufsatz 
An Schillers 100. Todestage (9. Mai 1905). Gedächtnisrede
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verkündeten, daß die Zeit der alten Götzen vorüber ſei.Armer Schiller! ſpottete damals ein geiſtvoller Kritiker, der hinter dieſem Gebaren bereits das Erkünſtelte und Unwahre, die aufgeputzte Ohnmacht erkannte. Und heute fängt der Dunſt, der aus den Schalen der modernen Korybanten emporſtieg, bereits an zu ver⸗ fliegen und hinter dem Gewölk taucht wieder in ſtolzer Schönheit das Antlitz des Einzigen hervor, wieder rufen Millionen ihm jubelnd entgegen: Evoe, Schiller!

Was aber iſt es denn, was ihn zu unſrem Liebling gemacht hat, was ihm ein unſterbliches Leben ſichert auch im Gedächtnis unſrer ſpäteſten Nachkommen? Nichts andres, als daß er das Banner der Ideale in unſrer Mitte aufgerichtet und unerſchütterlich emporgehalten hat. Alles Höchſte und Heiligſte, was die Seele bewegen kann, hat vollendeten Ausdruck gefunden in ſeinen Werken. Und kann er das Unedle und Niedrige nicht immer entbehren, als Folie oder Ergänzungsfarbe, und weil die Wirklichkeit, die ſich doch auch wiederſpiegeln ſoll in den Schöpfungen des Dichters, beides zeigt, ſo läßt er doch keinen Augenblick verkennen, auf welcher Seite er mit ſeinem Herzen ſteht. Mit prieſterlichen Händen hütet er die Flamme der Tugend, daß kein noch ſo heftiger und häßlicher Zu⸗ ſammenſtoß menſchlicher Leidenſchaften ſie zu erſticken vermag. Ein Vorzug unſres Volkes neben Fehlern, die der Deutſche am wenigſten abzuleugnen gewohnt iſt war allezeit die Tiefe der Empfindung, das warme Gemüt, für das andre Nationen und Sprachen nicht einmal einen Namen haben. Das Gemüt aber iſt die Harfe, auf der die Hand des echten Poeten am liebſten und beſten ſpielt. Und wer hätte ſich auf dieſes Spiel beſſer verſtanden als Schiller? Nicht der Wohllaut ſeiner Verſe, ſo beſtechend er wirken mag, iſt das wichtigſte ſeiner Mittel er ſelbſt würde, wie ſeine Ausführungen über Muſik in der Abhandlung vom Tragiſchen beweiſen, gering von ſeiner Kunſt und ihren Wirkungen gedacht haben, wenn er ſich auf dieſen ſinnlichen Reiz hätte be⸗ ſchränken oder ſtützen wollen. Was ſo bezwingend auf uns wirkt, iſt die ſtets gleiche Erhabenheit und Tiefe ſeiner Anſchauung, ſind die was man auch ſagen mag faſt immer klar umriſſenen, innerlich wahren Perſönlichkeiten, die er uns auf der Bühne gegenüberſtellt, in denen wir unſere eigene Art erkennen, mit denen wir freudig kämpfen, leiden, triumphieren. Den Unterſchied lehrt am beſten ein Blick auf die Griechen. Was er ſelbſt von der Iphigenie ſeines großen Freundes geſagt hat, in einer Zeit, wo die ganze Gelehrtenwelt in das äußerſte Entzücken geraten war über das neu erſtandene Griechentum: daß ſie nämlicherſtaunlich modern und ungriechiſch ſei, das gilt in faſt noch höherem Grade von ſeinen eigenen Dramen. Menſchlicher Trotz, unbeugſamer Götterwille beherrſchen die antike Bühne; abgeſehen von religiöſen