Aufsatz 
An Schillers 100. Todestage (9. Mai 1905). Gedächtnisrede
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Die letzten vier Jahrzehnte haben unſrem Vaterlande manchen gemeinſamen Feſttag, manche Stunde freudiger oder ſchmerzlicher Erhebung gebracht. Auch die heutige Feier trägt ein nationales Gepräge, ein um ſo deutlicheres vielleicht, als ſie nicht dem zwin⸗ genden Eindruck eines Tagesereigniſſes, ſondern der freien Regung des Volksgemütes entſprungen iſt. Und iſt es ein Todestag, den wir begehen, ſo treten doch nach hundertjährigem Zwiſchen⸗ raum die Gedanken an Tod und Vergänglichkeit zurück und nur das Bewußtſein erfüllt uns, daß ein großer Menſch dereinſt aus leidvoller Bedrängnis des Erdenlebens ſich erhoben hat zu ſieg⸗ reicher Vollendung und fortdauernder Wirkſamkeit. Siegreich und mächtig obwohl er kein König war in Purpur und Hermelin, kein Feldherr, der Schlachten gewann und Länder eroberte, kein Staatsmann, der in bedeutſamen Pergamenten Zeugniſſe ſeiner Tatkraft und politiſchen Weisheit hinterließ. Und doch ein König, der eine weltgebietende Krone trägt, deſſen Purpur über die Lande ſtrahlt wie das Morgenrot, in das die nahende Sonne ſich kleidet, wie das Abendrot, das einen lichten und klaren Tag verheißt. Ein Bezwinger aller für Edles empfänglichen Herzen; ein Weiſer, deſſen Handſchrift das Siegel der Kraft und des Segens trägt. Und er heißt Friedrich Schiller.

Schon einmal iſt dieſer große Name von allen deutſchen Lippen erklungen: am 10. November 1859, dem hundertjährigen Geburtstag des Dichters. Wer zurückdenken kann in jene Zeit, der weiß, welcher Sturm der Begeiſterung durch die Reihen unſres Volkes ging; wie alt und jung, hoch und niedrig wetteiferte, dem Geliebten und Unvergeſſenen ſeine Huldigung darzubringen. Nie⸗ mals iſt ein beſcheidener Bürger in ſolchem Maße geehrt, niemals ein Sterblicher ein halbes Jahrhundert nach ſeinem Hingang mit ſo viel Zeichen rührender Treue überſchüttet worden. Und un⸗ widerleglich ſchien es damals feſtgeſtellt, daß Schiller vor allen andern der die Gemüter beherrſchende Dichter, der Dichter ſeines Volkes ſei.

Aber nur zwei weitere Jahrzehnte vergingen, bis eine neue Kunſt emporkam, deren Vertreter mit betäubendem Lärm die Lehre