1 Möglichkeit steuern. Man kann und muß das Streurecht ablösen, bzw. auf ein unschädliches Maß zurückführen, sobald das Wohl des Landes es heischt.
Das Nämliche gilt von dem Weide- und Hutrechte; besonders das Eintreiben von Schafen und Ziegen in jungen Wald ist ein Verderben für denselben. Ist der Boden durch Streurechen entkräftet und dem austrocknenden Winde preisgegeben, wird in den jungen Schlägen fortwährend das Gras in unvorsichtiger Weise genutzt, werden jene, bevor sie hinreichend erstarkt sind, dem Viehe geöffnet, so kann nur ein mangelhafter, verkrüppelter, verbissener Anwuchs daraus hervorgehen. Tausende von Morgen, zumal in den Gemeinde-Buchenwaldungen des mittleren Deutschlands, die in der Nähe von Dörfern gelegen sind, liefern hierfür den augenscheinlichen Beleg¹) und zugleich den Beweis, wie notwendig eine strenge Staats-Aufsicht über die Gemeinde-Waldungen ist; denn das Interesse der Gesamtheit verlangt es, die Waldweide nur da zu gestatten, wo die Landwirtschaft ohne eine solche Aushülfe nicht zu bestehen vermag — und zwar möglichst nur für die ganz armen Volksklassen.
Noch weit dringender erscheint— nach dem vorher Angeführten— die Forderung, daß alle kahlen Flächen, insbesondere auf Höhen und Hängen, aufgeforstet werden, wo es nur irgend thunlich ist. Ein wie weites Feld der staatlichen Thätigkeit in dieser Beziehung noch offen steht, erhellt daraus, daß an Odländereien und Ackern, welche zur Rentabilität nur durch forst- lichen Anbau gebracht werden können, in Preußen allein über 400 Quadratmeilen vorhanden sind, ein Gebiet, viel größer wie die Provinz Hessen-Nassau. Unter den wirtschaftlichen Fehlern, welche man in den letzten Jahrzehnten gemacht hat, ist nämlich der ein besonders schwerer, daß man minderwertigen Waldboden kultiviert hat. Das Zurückdrängen des Waldes erfolgte im allgemeinen nach den Bergen hin; um diese herum wurde gerodet— rücksichtslos, cohne Wahl. Die mageren Höhen, welche schließlich nicht mehr taugten zur Bestellung, blieben dann wüste liegen. Besonders auffällig ziehen sich solche öden Hügel um den Harz herum(Teufelsmauer), z. B. auf der Linie Ilsenburg-Blankenburg. Auf den steinigen Rücken haben sich wieder einzelne Kiefern angesamt, ein Beweis, daß diese hier aufkommen würden, wo sonst nichts gedeiht; weit besser natürlich würden sie sich entwickeln, wenn sie im Schlusse ständen und sich gegenseitig vor der Sonnenglut schützten. Den Beweis dafür liefern die benachbarten Höhen von der gleichen Formation, welche üppig bewaldet sind.
Bei der starken Bevölkerungszunahme Deutschlands wird es auch in Zukunft unver- meidlich sein, manchen fruchtbaren Waldgrund unter den Pflug zu nehmen— um so sorgsamer muß darauf gehalten werden, daß aller absolute Waldboden, namentlich der ganz unbepflanzte, seinem Zwecke nicht entzogen sei. Wohl ist von den Regierungen die Notwendig- keit erkannt, hier Hand ans Werk zu legen und vielerorts ist schon Rühmliches geleistet; aber die Langsamkeit der Ausführung entspricht nicht der sachlichen Dringlichkeit. Nach den dafür ausgeworfenen Mitteln würde bei uns ein Jahrhundert vergehen, bis die ganze Arbeit vollendet wäre!— Es darf nicht übersehen werden, welche Menge von Händen beschäftigt werden kann nicht nur durch diese Anlagen selbst, sondern auch durch die Unterhaltung des neuen Waldes, auf Flächen, welche jetzt rein nichts einbringen, wohl aber dem umliegenden Gebiete, ja dem ganzen Lande schaden. Hier wird mehr Arbeitsverdienst geboten, als gemeiniglich angenommen wird. Zuerst müssen die Samen eingesammelt, bzw. gepflückt und von den Hüllen befreit werden, bevor man sie säet auf zubereiteten Boden. Die Keimlinge sind zu pflegen, zu jäten, wiederholt auszulichten; dann werden die Pflanzen versetzt auf die wüsten, ebenfalls zuvor hergerichteten Plätze. Der junge Aufwuchs muß wieder und wieder durchforstet werden, d. h. befreit von
¹) Grebe. Wöhlerschule 1895. 3


