Aufsatz 
Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Waldes
Entstehung
Einzelbild herunterladen

13

und damit versiegt die in ihm vorhandene wichtige Quelle des National-Wohlstandes mit ihren unmittelbaren und mittelbaren Leistungen für Land und Leute.

In unseren Gebirgen findet man ausgedehnte Waldflächen, wo der Boden ohne Laub- oder Nadelpolster hart daliegt, so daß der nackte Stein zu Tage tritt. Die Ursache hiervon ist eine unvernünftige, stets wiederholte Streu-Entnahme aus dem Forste. Wie kann derselbe aber dann noch seine wohlthätige Wirkung auf das umgebende Land ausüben, wie kann er Feuchtigkeit sammeln, wenn man die Bildung einer Humusdecke ständig vereitelt?

Die furchtbaren UÜberschwemmungen des Jahres 1882 sind vorzugsweise darauf zurück- zuführen, daß unsere Gebirgswaldungen aus dem genannten Grunde nicht fähig waren, den lang

andauernden Regen einzusaugen und als Grundwasser unterirdisch abzuleiten. Mag man in einem Jahrgange, wo die Strohernte mißraten ist, wie in dem vorvergangenen, immerhin der notleidenden Landbevölkerung ausnahmsweise ein solches Streurecht gewähren in anderen

darf es durchaus nicht sein, zumal jetzt im Torfmull sich ein weit besserer Ersatz für Streu herausgestellt hat. Denn auch der Waldbestand selbst leidet auf die Dauer durch solche Raub- wirtschaft nicht weniger als durch schlechten Betrieb; der Boden, insbesondere der ärmere, wird erschöpft, ¹) vertrocknet im Sommer, die Bäume verkümmern zahlreiche Waldungen in Hessen und in Nassau geben Zeugnis dafür.²) Ebermayers klassische Untersuchungen haben schon vor 20 Jahren den Beweis geliefert, daß die Streudecke zur Erhaltung der Bodenfeuchtigkeit noch mehr beiträgt als der Wald selbst. Mit anderen Worten: Nimmt man dem Walde die Streu weg, so nimmt man ihm damit über die Hälfte seiner Fähigkeit, die Quellen des Landes zu speisen! Aus neueren Versuchen über diesen Gegenstand sei hier nur ein solcher von Cieslar³) angeführt. Mittels Vergleichs von Kulturen der nämlichen Art unter verschiedenen äußseren Bedingungen fand er, daß durch Bedeckung des Bodens mit einer 5 cm hohen Moos-Schicht das Wachstum der Fichtenpflanzen ebenso stark gefördert wird, wie durch Bodenlockerung, Jäten des Unkrautes und Begießen zusammen genommen. Fortgesetztes Streurechen zerstört aber selbstverständlich auch die Moosdecke; der Landwirt verletzt durch solche mißbräuchliche Benutzung seine eigenen Interessen, denn er gefährdet die Existenz des Waldes und verstopft sich selbst die Quelle, aus welcher ihm in Zeiten der Not, bei Mißernten und dergleichen, eine wirksame Hülfe zu teil werden kann. Daß ein Verständnis hierfür durchaus noch nicht überall durchgedrungen ist, dafür lieferte die letzt vergangene Session des preußz. Landtags einen Beleg. Wurden doch bei Beratung von Forst-Angelegenheiten aus der erleuchteten Versammlung Zweifel erhoben daran, daß Entnahme von Streu dem Wald überhaupt schädlich seil') Zum Uber- flusse sei noch bemerkt, daß schon eine Verminderung der Humusdecke wie sie durch jede Streu-Entnahme bedingt ist bei flachgründigen Boden schädlich wirkt. Es ist festgestellt,) daß letzterer sogar verhältnismäßig um so weniger Feuchtigkeit zu binden vermag, je niedriger die Höhe der Schicht ist, mit welcher er den Fels bedeckt. Gegen eine mäßige, vorsichtige Streunutzung soll hiermit nicht geredet sein; sie ist ja unter Umständen geradezu gewiesen, z. B. vor dem Einsammeln der Bucheckern.

Wenn zuzugeben ist, daßs in den wiederkehrenden Überschwemmungen ein nationales Unglück vorliegt, so müssen auch Mittel und Wege gefunden werden, welche demselben nach

¹) v. Berg, Borggreve, Frey, Hornberger u. a.

²) Allg. Forst- u. Jagdzeitung 1879.

³) Centralblatt für das gesamte Forstwesen 1893. ) Sitzung des Abg.-Hauses am 9. Febr. 1894.

) Wollny.