Aufsatz 
Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Waldes
Entstehung
Einzelbild herunterladen

4.

Von weit ausgedehnterer Bedeutung noch als solche Vorteile für die Lebenshaltung ein- zelner Volks-Schichten ist der Einfluß des Waldes auf die natürlichen außeren Verhältnisse eines Landes, kurz gesagt auf das Klima desselben, um diese Wirkung gunächst mit einem Worte zu bezeichnen.

Ein Hektar Wald hat jährlich über 10000 Kilogramm Kohlensäure zur Holz- und Blatt- bildung nötig, ¹) demnach der gesamte deutsche Forst: 150000 Millionen kg. Damit aber wird der Luft mindestens das Doppelte derjenigen Kohlensäuremenge entzogen, welche die Einwohner- schaft durch Kochen, Heizen, Atmen hervorbringt, die Luft also dadurch mehr wie ausreichend von dieser dem Leben unzuträglichen Beimengung befreit. Ebenso ist die vom deutschen Walde jährlich ausgeschiedene Menge Sauerstoff im Betrage von 100000 Millionen Kilogramm weit höher als die von der Bevölkerung der Atmosphäre entzogene; demnach sorgt unser Wald kür eine ständige Wiederherstellung der Lebensluft. Doch ist dies nicht der Grund, weshalb der Aufenthalt im Walde so wohlthätig wirkt alle Gewächse leisten hierin Xhnliches. Waldluft aber ist reiner, freier von schädlichen Gasen, von Staub und Ruß als Feld- oder gar Stadtluft; die täglichen Temperatur-Schwankungen, besonders im Sommer, sind geringer. Der Wald erscheint ferner für die Vermehrung und Verbreitung gewisserAnsteckungsstoffe« sehr ungünstig. Ob diese letzteren in seinem feuchten Grunde sich nicht weiter entwickeln können, ob der pedeutende OQzongehalt die»Miasmen« zerstört jedenfalls gilt es als Thatsache, welche aus Beobachtungen bei einer Reihe von Epidemien hervorgeht, daß die Wälder als Schutzmittel gegen Cholera wirken. ²)

Daß der Wald regenvermehrend wirke, ist eine weitverbreitete Ansicht; dieselbe ist jedoch in beschränkterem Mafe richtig, als vielfach angenommen wird. Ein Luftstrom, welcher auf ein Gebirge trifft, wird hier genötigt, in die Höhe zu steigen. Bei der dadurch bedingten Verdünnung der Luft kühlt sich dieselbe ab und scheidet dann leicht Wasser aus um so eher und um so reichlicher, je näher sie bereits vorher ihrem Sättigungspunkte war. Dies ist eine Wirkung der Berge, nicht ihrer Bäume. Sind jene mit Wald bedeckt, so wird durch dessen feuchte Kühle an Sommertagen die Ausscheidung in demselben begünstigt, also etwas stärker, bzw. früher sich zeigen als sie auf einem kahlen Hang eintritt. In diesem Sinne kann man von einer örtlichen Vermehrung des Regens durch den Wald reden. Ferner geht aus dem oben Bemerkten hervor, daß in einem Lande mit üppiger Vegetation, welche ja ständig große Mengen von Wasserdampf an die Atmosphäre abgiebt, die Niederschlagsmenge bedeutender sein muß, als wenn dasselbe Land qurch Waldverwüstung mehr oder weniger öde geworden ist. Die umgekehrte Beobachtung wird z. B. aus Agypten berichtet. Seitdem Mehemet Ali daselbst Baumwoll-Pflanzungen in großartigem Maßstabe angelegt hat, soll der Regen in dem vorher dürren Lande wesentlich zugenommen haben. ³) Auf Grund der gemessenen Niederschlagsmengen war man früher der Ansicht, im Walde gelange eine bedeutend(etwa um) geringere Wasser- masse zum Boden als im Freien, und rechnete die Differenz auf die Verdunstung des in den Baumblättern hängenbleibenden Regens.¹) Durch neue, sorgfültigere Untersuchungen aber hat sich herausgestellt, daß; den älteren Beobachtungen ein Fehler anhaftete. Dieselben hatten näm- lich nur das durch die Baumkronen niedertropfende Wasser berücksichtigt, nicht das an den Stämmen selbst herabfließende. Ney und Riegler aber haben die Quantität des letzteren bestimmt und sehr hoch gefunden.(Riegler fing an dem Stamm einer einzigen Buche während eines

¹) Ebermayer.

²) Pettenkofer..

³) Poggend. Ann. XXXVIII.

) v. Liburnau(Naturkräfte XXIX Bd.)